China ächzt unter seiner Schuldenlast – und scheut doch Reformen

Chinas Verschuldung ist seit der Wirtschaftskrise 2008/09 dramatisch gestiegen und zählt zu den höchsten weltweit. Übertreibungen am Immobilienmarkt, der stark angeschwollene Schattenbankensektor und zahlreiche staatseigene „Zombie“-Unternehmen stellen beträchtliche Risiken dar und machen das Land verwundbar. Peking hält einen Teufelskreis aus Effizienzverlusten, Wachstumsverlangsamung und immer höheren Schulden aufrecht. Das Risiko steigt, dass sich die Schieflagen irgendwann in einer Krise entladen. Doch eine systemische Finanzkrise dürfte dank der enormen Finanzkraft der Zentralregierung abwendbar sein. Ein auf Dauer niedrigeres Wirtschaftswachstum ist dagegen wohl unausweichlich.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnen vor allem vor der hohen Dynamik des Schuldenaufbaus in China. Sie weise erschreckende Parallelen zur Entwicklung in anderen Ländern auf, die letztlich in Finanzkrisen mündete, wie in Spanien oder in Thailand. Zwar ist die Lage in China aufgrund der engen Verquickung von privatem und staatlichem Sektor nur bedingt mit der Entwicklung in anderen Ländern vergleichbar, sie ist jedoch nicht weniger risikoreich. Viele staatseigene Betriebe werden trotz erheblicher Ineffizienzen und Überkapazitäten von Peking „am Leben erhalten“. Die staatlichen Großbanken gewähren ihnen neue Kredite, um ältere Kredite zu bedienen. Alternative Finanzierungen, die parallel über den kaum regulierten und stark gewachsenen Schattenbankensektor erfolgen, sind weitaus risikoreicher und ausfallgefährdeter als konventionelle Bankkredite. Der Immobilienmarkt schließlich ist die Achillesferse Chinas: Er gilt schon lange als überteuert, eine Korrektur würde jedoch weite Teile des Wirtschaftslebens erfassen.

Angesichts dieser Gemengelage sind Sorgen, dass das Land früher oder später auf eine Krise zusteuert, sicherlich berechtigt. Eine gefährliche Welle von Kreditausfällen könnte durch eine scharfe Korrektur am Immobilienmarkt oder einen Konjunktureinbruch ausgelöst werden. Peking hat sich deshalb bislang vehement gegen eine solche Entwicklung gestemmt, was jedoch stets zu einer noch höheren Verschuldung geführt hat. Einschneidende Reformen sind längst überfällig. Die chinesische Führung ist sich dessen sehr wohl bewusst, scheut aber die damit unweigerlich verbundenen Wachstumseinschnitte sowie den drohenden Kontrollverlust und geht den Reformprozess nur äußerst zögerlich an.

Andererseits muss Peking wohl auch nicht fürchten, dass die Verschuldungsspirale eine systemische Finanzkrise auslöst. Die Finanzkraft der Zentralregierung ist enorm, ihre Finanzierungsspielräume sind dank der hohen liquiden Ersparnisse der Bevölkerung beinahe unbegrenzt. Sie hätte genügend Kapazitäten, die ohnehin bereits staatseigenen Großbanken ausreichend zu kapitalisieren, um eine Welle von Kreditausfällen zu überstehen. Die konjunkturellen Belastungen einer solchen Entwicklung wären jedoch erheblich und auch weltweit zu spüren. Sie würden zudem das Ausmaß der Wachstumseinbußen, die ein konsequenter Reformprozess mit sich bringen würde, weit überschreiten. So oder so müssen wir uns deshalb wohl längerfristig auf ein bedeutend niedrigeres Wachstumsniveau in China einstellen. Außerdem ist längst nicht gesagt, ob die zur Verfügung stehenden Daten tatsächlich das volle Ausmaß der Verschuldung in China widergeben, oder die Lage am Ende nicht noch gravierender ist.

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Ein Kommentar

Wolfgang Wahn

Kurz und prägnant. Sehr gute Zusammenfassung der „undurchsichtigen“ Lage in China.

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