EZB bleibt sich treu

Die europäischen Währungshüter haben im Zuge der heutigen Zinssitzung sowohl die „Forward Guidance“ angepasst, als auch ihre Einschätzung hinsichtlich der Risiken für den Konjunkturausblick adjustiert. Gegenüber dem geldpolitischen Statement im April wurde nun auf den Hinweis über die grundsätzliche Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung verzichtet. Notenbankchef Draghi begründete diese Entscheidung unter anderem, mit dem Verweis auf das deutlich gesunkene Risiko eines Abrutschens in die Deflation. Hinsichtlich der Konjunkturaussichten ist bei den Währungshütern eine wachsende Zuversicht auszumachen. Dies spiegelt sich unter anderem darin wider, dass die Notenbank-Oberen die Risiken für den Konjunkturausblick nunmehr als weitestgehend ausgeglichen betrachten. Doch trotz dieser grundsätzlich erfreulichen Anpassungen, haben Spekulationen auf eine baldige Abkehr der EZB von ihrem derzeitigen ultra-expansiven geldpolitischen Kurs einen Dämpfer erfahren. So beklagen die Währungshüter einen nur schwach ausgeprägten grundlegenden Preisauftrieb in der Eurozone.

Im Zuge der heutigen Zinssitzung hat Notenbankchef Draghi die überarbeiteten Projektionen der EZB-Stabsmitarbeiter zur Konjunktur- und Inflationsentwicklung vorgestellt. Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass die BIP-Projektionen über alle Zeithorizonte hinweg um jeweils 0,1 Prozentpunkte angehoben wurden. Demgegenüber erschütternd ist die teilweise drastische Abwärtsrevision der Inflationsprojektionen. Die Projektion für das Jahr 2018 liegt nur noch bei 1,3% und damit 0,3 Prozentpunkte (!) unterhalb der vorherigen Schätzung. Notenbankchef Draghi begründet den schwachen Preisauftrieb unter anderem mit einem fehlenden Lohndruck. Dies ist vor allem dahingehend bemerkenswert, als dass die Arbeitslosenquote in der Eurozone in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich gesunken ist. Die Notenbank zeigt sich aber weiter zuversichtlich, dass bei einer sich zusehends schließenden Produktionslücke im Euroraum die Inflation Auftrieb erfährt und auch das Anleiheankaufprogramm weiter seine Wirkung entfaltet. Man müsse nur geduldig sein.

Für Notenbankchef Draghi war die heutige Zinssitzung eine gewisse Gratwanderung. So musste er einerseits den aufgehellten konjunkturellen Rahmenbedingungen Rechnung tragen, aber zugleich Spekulationen auf eine allmähliche Verminderung des geldpolitischen Stimulus dämpfen. Angesichts der deutlichen Abwärtsrevision der Inflationsprojektionen dürften die Tauben im EZB-Rat in den kommenden Monaten weiter tonangebend bleiben. So hat die Zinssitzung keine Hinweise auf eine baldige Abkehr vom ultra-expansiven Kurs der Notenbank geliefert. Die Falken im EZB-Rat müssen sich wohl bis auf weiteres mit einer Adjustierung des „Wordings“ zufriedengeben.

 

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