Britische Wirtschaft mit ersten Brexit-Kratzern

Die britische Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 0,3 Prozent gestiegen, das Wirtschaftswachstum bleibt in der ersten Jahreshälfte also relativ verhalten. Vor allem die durch die Pfund-Abwertung stark gestiegene Inflation ist zur Belastung geworden. Der Brexit-Effekt kommt somit erst einmal „durch die Hintertür“. Eine Wachstumsbeschleunigung im zweiten Halbjahr ist nicht absehbar, das Wachstumstempo dürfte vielmehr bis Ende kommenden Jahres weiter sukzessive nachlassen. Wir senken unsere Prognose für dieses Jahr leicht von 1,8 auf 1,6 Prozent. Im kommenden Jahr rechnen wir unverändert mit einem relativ schwachen Wachstum von 0,8 Prozent.

Nach dem vergleichsweise schwachen Jahresauftakt ist die Konjunktur in Großbritannien auch im zweiten Quartal dieses Jahres verhalten geblieben – das vierteljährliche Wirtschaftswachstum legte nur leicht von 0,2 auf 0,3 Prozent zu. Die konsumnahen Dienstleistungen, wie der Einzelhandel, konnten nach dem Einbruch im ersten Quartal nun zwar eine Erholung verbuchen. Insgesamt bleibt die Konsumlaune der Briten aber getrübt, was vor allem an den stark gestiegenen Verbraucherpreisen liegt. Als Wachstumsbremse hat sich im zurückliegenden Quartal auch die Bautätigkeit erwiesen, die ebenfalls unter hohen Preisen für importierte Baustoffe leidet. Außerdem hat die Branche zunehmend Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, was auch im Zusammenhang mit der deutlich abgeebbten Zuwanderung osteuropäischer EU-Ausländer stehen könnte.

Damit erfährt die britische Wirtschaft die ersten Brexit-Belastungen „durch die Hintertür“: Zwar zeigen sich die Unternehmen trotz der zahllosen Unwägbarkeiten rund um den geplanten EU-Austritt bisher überraschend wenig verunsichert. Ihre Investitionsbereitschaft haben sie zumindest noch nicht erkennbar eingeschränkt, die Exportindustrie jubelt derweil über das schwache Pfund. Die Kehrseite der deutlichen Währungsabwertung ist jedoch der kräftige Anstieg der Importpreise – hauptsächlich für Konsumgüter, aber auch für wichtige Produktionsinputs. Die erhöhte Inflation hat das ohnehin magere Lohnwachstum der privaten Haushalte inzwischen überkompensiert, die Reallöhne sinken. Der private Konsum, einer der wichtigsten Motoren der britischen Konjunktur, beginnt zu stottern.

Die britische Wirtschaft hat in diesem Jahr eine deutlich langsamere Gangart eingeschlagen. Eine Wachstumsbeschleunigung in der zweiten Jahreshälfte ist angesichts der nach wie vor bestehenden Belastungen durch die erhöhte Inflation nicht absehbar. Außerdem sorgt die seit den Unterhauswahlen äußerst komplizierte und instabile politische Situation für zusätzliche Unsicherheit. Und schließlich geben inzwischen immer mehr internationale Bankhäuser ihre Absichten bekannt, Geschäftsbereiche aus der Londoner City zu verlagern. Zwar werden wir wohl längst das Jahr 2018 schreiben, bis sich diese Umzugspläne konkretisieren. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch die Investitionstätigkeit einen Brexit-Dämpfer erhält. Wir rechnen vor diesem Hintergrund nach wie vor mit einer deutlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf nur noch 0,8 Prozent im kommenden Jahr. In diesem Jahr dürfte das BIP-Wachstum angesichts des schwächeren ersten Halbjahrs etwas niedriger ausfallen als bislang gedacht, mit einem Plus von 1,6 Prozent aber immer noch recht solide bleiben.

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