Ist Deutschland ein Niedriglohnland?

Die Diskussion über den hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands und seine Ursachen hat in den letzten Wochen wieder Fahrt aufgenommen. Internationale Institutionen wie IWF, OECD oder die EU-Kommission kritisieren lautstark, dass ein Überschuss in der Größenordnung von rund acht Prozent der Wirtschaftsleistung deutlich zu hoch ist. Doch Vorsicht: Bei dieser Rechnung werden aus politischen Gründen gern wichtige Faktoren einfach ausgeblendet. Bei der internationalen Kritik ist auch der Ruf nach höheren Lohnsteigerungen zuletzt immer lauter geworden. Diese Forderung basiert auf der Annahme, Deutschland habe sich durch eine zu große Lohnzurückhaltung in früheren Jahren einen „unfairen“ Vorsprung in der Wettbewerbsfähigkeit verschafft, der nun durch ein entsprechend stärkeres Lohnwachstum wieder abgebaut werden sollte.

Vor allem in der angelsächsischen Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell spielt das Lohnargument eine wichtige Rolle. So hat jüngst das englische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ hervorgehoben, dass der Anteil der Konsumausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland besonders niedrig sei. Die Einkommen der privaten Haushalte – so ihr Argument – hätten in den vergangenen Jahren nicht mit der Gesamtwirtschaft mithalten konnten, weil die Löhne in Deutschland eben nicht schnell genug ansteigen.

Diese Argumentation ist nun doch zu einfach. Denn die Entwicklung von Löhnen und Gehältern ist in Deutschland keine wirtschaftspolitische Stellgröße, sondern das Resultat der Verhandlungen unabhängiger Tarifpartner. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände haben die Interessen ihrer Mitglieder im Blick und sind insbesondere der Regierung gegenüber nicht weisungsgebunden.

Der Anteil der Konsumausgaben an der gesamten Wirtschaftsleistung ist in Deutschland zwar etwas niedriger als in anderen großen Industrieländern. Jedoch sind die Unterschiede in den vergangenen zehn Jahren etwa im Vergleich zu Frankreich oder Spanien nur recht gering gewesen und können daher nicht als Erklärung der Leistungsbilanzentwicklung dienen. Aus dem Rahmen fallen im Vergleich der Industrieländer eher die hohen Konsumquoten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

Tatsächlich hat sich der Anteil der privaten Konsumausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den letzten Jahren in Deutschland – wie auch in anderen europäischen Ländern – merklich verringert. Dies ging einher mit einer schwächeren Entwicklung der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte relativ zur gesamten Wirtschaftsleistung. Allerdings ist der Grund hierfür nicht etwa eine schwächere Entwicklung der Lohneinkommen. Denn der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP hat sich seit der Krise 2008/2009 wieder stabilisiert und liegt heute höher als im langjährigen Durchschnitt.

Verantwortlich für den relativen Rückgang der verfügbaren Einkommen ist vielmehr die Schwäche von Selbstständigen- und Vermögenseinkommen. Vor allem die Vermögenseinkommen, zu denen Zinsen, Ausschüttungen, Gewinnentnahmen sowie sonstige Kapitalerträge zählen, leiden unter den Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds: Der Anteil der „Zinsen und Pachteinkommen“ am verfügbaren Einkommen hat sich seit dem Jahr 2008 mehr als halbiert.

Das Argument der zu niedrigen Löhne unterstellt, dass sich Deutschland durch die relativ schwachen Tariferhöhungen einen permanenten Vorteil in der preislichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den europäischen Nachbarn verschafft hätte. Vergleicht man die Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland und den wichtigsten EWU-Staaten seit 1999, und zwar jeweils relativ zum EWU-Durchschnitt, so zeigt sich tatsächlich ein „Vorsprung“.

Denn zwischen 1999 bis 2008 stiegen die Lohnstückkosten in Deutschland wesentlich langsamer an als im Rest der Währungsunion. Allerdings lag in dieser Phase die deutsche Arbeitslosenquote auch höher als im EWU-Durchschnitt. Im Jahr 2005 wies Deutschland eine Unterbeschäftigung von mehr als 11 Prozent auf, 2 Prozentpunkte mehr als der EWU-Schnitt und auch höher als in Griechenland, Spanien und Portugal. Deutschland war damals „der kranke Mann Europas“.

Die zurückhaltende Lohnpolitik der Tarifpartner kann als eine angemessene Reaktion auf das Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt gewertet werden, wie sie in einer Währungsunion mit festen Wechselkursen erforderlich ist. Im Jahr 2007 sank die Arbeitslosenquote in Deutschland dann wieder unter den EWU-Durchschnitt, und seit 2008 steigen hierzulande die Lohnstückkosten schneller als in den anderen Euro-Ländern. Dieser Mechanismus funktioniert jedoch nicht überall: In Frankreich und Italien haben die Lohnstückkosten in den letzten Jahren kaum auf die überproportional hohe Arbeitslosigkeit reagiert.

Zum jüngsten Anstieg des deutschen Leistungsbilanzsaldos hat schließlich auch die Schwäche des Ölpreises einen wichtigen Beitrag geleistet. Zur Jahresmitte 2013 stand der Ölpreis noch bei rund 110 US-Dollar pro Barrel, der deutsche Leistungsbilanzüberschuss betrug 6,4 Prozent des BIP. Zwei Jahre später war der Preis für ein Fass Brent-Öl auf 50 US-Dollar gesunken und der Saldo der deutschen Leistungsbilanz auf +9,2 Prozent angestiegen. Das billigere Öl lässt den Wert der deutschen Einfuhren sinken und den Leistungsbilanzsaldo ansteigen.

Die nominale und die reale Entwicklung des deutschen Außenhandels sind zuletzt auseinander gelaufen. Während in nominaler Rechnung die deutschen Exporte seit dem Jahr 2013 stärker angestiegen sind als die Importe, ist die Reihenfolge in realer Rechnung genau umgekehrt. Damit hat sich, zumindest wenn man die Preiseffekte herausrechnet, der Überschuss in der deutschen Handels- und Leistungsbilanz in den letzten drei Jahren nicht erhöht, sondern vermindert.

Zusammengenommen lässt sich die These, dass der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz vor allem auf einer übertriebenen Lohnzurückhaltung beruht, also nicht aufrechterhalten. Zwar spielt das – im Vergleich zur gesamten Wirtschaftsleistung – schwächere Wachstum von verfügbaren Einkommen und Konsumausgaben sicher eine Rolle. Ursache hierfür ist aber nicht ein geringeres Tempo der Lohnsteigerungen, sondern vor allem das Niedrigzinsumfeld, das die Entwicklung der Vermögenseinkommen dämpft.

Damit läuft auch die grundsätzliche Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell, wie sie nicht zuletzt von angelsächsischer Seite zuletzt verstärkt zu hören war, ins Leere. Die Lohnzurückhaltung vor allem der Jahre 1999 bis 2007 war eine angemessene Reaktion der Tarifpartner auf die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland und hat – zusammen mit den Hartz-Reformen – einen wichtigen Beitrag zur Konjunkturerholung und dem kräftigen Beschäftigungswachstum der folgenden Jahre geliefert.

Wenn die gute Konjunktur in Deutschland weiter anhält und die Rohstoffpreise ihren leichten Aufwärtstrend fortsetzen, dann werden auch die Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz wieder abgebaut. Hektisches wirtschaftspolitisches Gegensteuern ist hier jedenfalls fehl am Platz.

10.08.2017

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