Inflationsziel: Höher, niedriger oder Dogma

In den Vereinigten Staaten und der Eurozone liegt die Inflationsentwicklung schon seit längerem auf einem zu niedrigen Niveau. Ökonomen rund um den Globus rätseln, warum die Inflation trotz einer bislang ultra-expansiven Geldpolitik, eines moderaten Wachstums und guten oder zumindest sich bessernden Bedingungen am Arbeitsmarkt nicht steigt. Gleichzeitig festigt sich bei vielen Ökonomen die Erwartung, dass strukturelle Faktoren für die niedrige Inflation verantwortlich seien. So könnte sich das Lohnsetzungsverhalten grundsätzlich gewandelt haben oder Strukturreformen haben zu einem höheren Arbeitsangebot geführt. Ein weiterer struktureller Grund für die tendenziell niedrigen Teuerungsraten in den großen Industrieländern könnte die Globalisierung sein. Außerdem wird die bessere Verfügbarkeit von Preisinformationen durch die internationale Vernetzung über das Internet sowie aufgrund von Handelsplattformen verantwortlich gemacht, da die Konsumenten hierdurch preissensibler geworden sind. Nicht zuletzt lässt sich in den vergangenen Jahrzehnten die Tendenz feststellen, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad stetig zurückgegangen ist. Die Inflation könnte also noch für längere Zeit niedrig bleiben.

Die dauerhaft niedrigen Inflationsraten scheinen für viele Zentralbanker jedoch ein Problem darzustellen. So ist für eine Notenbank wichtig, das gesetzte Inflationsziel zu erreichen, nicht zuletzt deshalb, damit sie nicht der Kritik der Zielverfehlung ausgesetzt ist. So könnte die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel stehen, wenn die Inflation mittelfristig nicht „punktgenau“ auf dem Ziel liegt. In einer komplexen, global agierenden Wirtschaft kann es jedoch schwierig werden auch mittelfristig eine Punktschätzung zu erreichen. Die niedrigen Inflationsraten scheinen ein globales Phänomen zu sein und nicht das Problem einer einzelnen Notenbank.

In der Frage, wie die Inflation erhöht werden kann, geht die Diskussion eigentlich in die falsche Richtung. Zwar wird in diesem Zusammenhang thematisiert, dass die Löhne steigen müssen, damit die Inflation wieder höher ausfällt. Aber es wird nicht über eine Erhöhung der Produktivität und/oder über eine Verbesserung der Bildung gesprochen. Vielleicht würden etliche Unternehmen höhere Löhne zahlen, wenn sie denn qualifizierte Arbeiter finden würden. Nein, derzeit gehen die Diskussionen in die Richtung, über eine Erhöhung des Inflationsziels zu spekulieren. Doch wie realistisch sind steigende Löhne bei einem höheren Inflationsziel? Wo sollte der neue Zielwert überhaupt liegen? Generell stellt sich die Frage, ob die Notenbank überhaupt die Lohnentwicklung beeinflussen kann, oder ob dies nicht Aufgabe der Regierung und der Tarifparteien ist. In der Vergangenheit war von diesen jedoch bewusst die Linie gefahren worden, dass Arbeitsplätze durch niedrige Lohnabschlüsse „beschützt“ werden müssen. Nur so kann preisliche Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt werden – so die bisherige vorherrschende Meinung.

Solange in einer Wirtschaft keinerlei deflationäre Tendenzen auszumachen sind, spielt es im Grunde genommen keine gravierende Rolle, ob die Inflation für längere Zeit leicht unterhalb der Zielmarke einer Notenbank liegt. Diese Überlegung mag auch denjenigen Ökonomen zugrunde liegen, die sich aufgrund des längerfristig schwachen Preisdrucks eher für eine Verringerung des Inflationsziels aussprechen.

Letztlich bleibt festzuhalten, dass die Notenbanken selbst das niedrige Inflationsziel in der Vergangenheit trotz einer extrem expansiven Geldpolitik nicht erreicht haben. Wie sollen sie ein höheres Ziel erreichen? Vielleicht – so die Überlegung – könnte dies erreicht werden, wenn die Geldpolitik anhaltend expansiv bleibt. Zumindest würde eine Erhöhung des Inflationsziels den Druck auf die Währungshüter erhöhen, die Geldpolitik weiter expansiv auszurichten. In einem Umfeld, in dem die Zentralbanker weltweit bemüht sind, den Expansionsgrad der Geldpolitik zu verringern, könnte diese Maßnahme kontraproduktiv sein. Spielt das Glaubwürdigkeitsargument eine Rolle, könnte das Vertrauen in die Zentralbankpolitik zusätzlich erschüttert werden, sollte auch das höhere Inflationsziel nicht erreicht werden. Zumal die expansive Geldpolitik der Vergangenheit eine begrenzte Einflussmöglichkeit der Geldpolitik auf die Löhne und damit auf die Inflation nahe legt.

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