Notenbanken sollten in sich gehen

Die alljährliche Notenbank-Konferenz in Jackson Hole steht unmittelbar bevor, auch Fed Chefin Yellen und EZB Chef Draghi werden teilnehmen. Große Erwartungen dürften aber enttäuscht werden, man sollte keine nennenswerten Neuigkeiten erwarten. Vielmehr dürften die Notenbankchefs die bisherige politische Linie erläutern, aber keine neuen Impulse geben.

Geldpolitisch stehen die Notenbanken aktuell vor dem Problem, dass ihnen der Anlass fehlt, den geldpolitischen Stimulus wie angestrebt zu verringern. Denn die Inflation, die wichtigste Zielvariable der Geldpolitik, erreicht nicht das postulierte Zielniveau.

Die aktuelle Entwicklung lässt sich mit den Standardmodellen der Volkswirtschaft in den Industrieländern nur schwer erklären. Dies ist vermutlich auch ein Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Struktur einer hohen Änderungsgeschwindigkeit unterworfen ist. Damit wird die theoretische Basis der geldpolitischen Ausrichtung teilweise unterspült.

Die lange Phase der extrem expansiven Geldpolitik hat zu Diskussionen um die Machtfülle der Notenbanken geführt. Die realpolitischen Auswirkungen ihrer Politik werfen die Frage auf, ob eine Institution, die nicht demokratisch gewählt wird und auch keiner demokratischen Kontrolle unterliegt, soviel politischen und wirtschaftlichen Einfluss haben darf. Ein neuer Aufgabenzuschnitt scheint erforderlich.

Strukturelle Veränderungen sollten sich auch auf die Notenbanken auswirken. So befindet sich etwa der Prozess des Zahlungsverkehrs im raschen Wandel. Die traditionelle Aufgabe der Zinssteuerung könnte eher indirekt über die Geldmengensteuerung erfolgen. Dies würde natürlich eine gut ausgebaute und sinnvolle Bankenregulierung erfordern, die aber nicht zwingend bei den Notenbanken angesiedelt sein muss.

Die Finanzmärkte, die Banken und die Regulierung unterliegen starken Veränderungen. Es wird nun auch Zeit, sich über die zukünftige Rolle eines der Hauptakteure – der Notenbanken – Gedanken zu machen. Bei der Rückbesinnung auf die eigentlichen Aufgaben von Notenbanken sollte es, genauso wie bei der Ausweitung der Maßnahmen durch die Notenbanken, keine Denkverbote geben.

Am Ende der Woche findet das jährliche Treffen der Notenbanken in Jackson Hole statt. Auch dieses Jahr werden Fed Chefin Yellen und EZB Chef Draghi an der Tagung teilnehmen. Obwohl die Konferenz weltweit eine sehr große Beachtung erfährt, sollte man keine nennenswerten Neuigkeiten erwarten. Vielmehr dürften die Notenbankchefs die bisherige politische Linie erläutern, aber keine neuen Impulse geben

Dabei gibt es einiges für die Notenbanken zu besprechen. Denn die internationale Geldpolitik steht vor einem wachsenden Dilemma. Die Notenbanken haben mit ihrem beherzten Eingreifen in den Jahren 2008 und 2009 die Weltwirtschaft sicherlich vor einem Totalabsturz bewahrt. Anschließend wurde die Geldpolitik extrem. Die Zinsen wurden auf null Prozent oder teilweise darunter gesenkt. Zusätzlich hat man angefangen, Anleihen zu kaufen und damit die Renditen kontrolliert abzusenken. Diese massiven geldpolitischen Impulse haben zu einer Stabilisierung des globalen Wachstums und zu einem lang anhaltenden Boom an den Aktien- und Anleihemärkten beigetragen.

Nun stehen aber die Notenbanken vor dem Problem, dass es eigentlich keinen Anlass gibt, den geldpolitischen Stimulus zu verringern. Denn die Inflation, die wichtigste Zielvariable der Geldpolitik, erreicht nicht das Zielniveau. Damit gibt es in der Logik der Notenbanken kaum Gründe, die expansiven geldpolitischen Maßnahmen zurückzuführen, da normative Argumente kaum zählen.

Das für die niedrige Inflation maßgebliche Problem der schwachen Lohnentwicklung ist so dringend geworden, dass EZB-Vertreter bereits einen stärkeren Lohnanstieg gefordert haben. Dabei zählt Tarifpolitik sicherlich nicht zu den Aufgaben einer Notenbank. Aber auch das deutsche Wirtschaftsministerium beklagt die nur moderate Lohnentwicklung und wünscht sich eine stärkere Lohndynamik, wobei dies wohl auch dem laufenden Wahlkampf geschuldet ist.

Insgesamt hat man zunehmend den Eindruck, dass den Notenbanken Teile ihrer Zielfunktionen abhandengekommen sind. Letztendlich lässt sich mit den Standardmodellen der Volkswirtschaft die aktuelle Entwicklung in den Industrieländern nur schwer erklären. Dies ist vermutlich auch ein Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Struktur einer hohen strukturellen Änderungsgeschwindigkeit unterworfen ist. Damit wird die theoretische Basis der geldpolitischen Ausrichtung teilweise unterspült.

Neben diesen puren geldpolitischen Problemen hat sich rund um die Notenbankpolitik auch die Diskussion um die Machtfülle der Notenbanken entwickelt. Insbesondere die Anleihekaufprogramme können großen politischen Einfluss haben, da diese die Refinanzierungskosten der Staaten senken und damit zu einer massiven Umverteilung vom privaten Sektor zum staatlichen Sektor beitragen. In einem System der unabhängigen Zentralbanken kann man dies zwar ohne großen Glaubwürdigkeitsverlust der Zentralbanken machen. Jedoch wirft es die Frage auf, ob eine Institution, die nicht demokratisch gewählt wird und auch keiner demokratischen Kontrolle unterliegt, soviel politischen Einfluss haben darf.

Die Notenbanken sollten sich verstärkt auf ihre Kernaufgaben konzentrieren. Dies gilt insbesondere für die EZB, die auf Grund der merklichen strukturellen Unterschiede im Euroraum durch die getroffenen Maßnahmen verstärkt wirtschaftspolitische Impulse gibt. Bei der Rückbesinnung auf die eigentlichen Aufgaben von Notenbanken sollte es, genauso wie bei der Ausweitung der Maßnahmen durch die Notenbanken, keine Denkverbote geben.

Die Entwicklung des Bitcoin zeigt, dass Währungen auch ohne eine dahinter stehende Notenbank möglich sind, wenngleich diese zurzeit auch mit großen Schwankungen behaftet ist. Zudem ist der Prozess des Zahlungsverkehrs im Wandel. Internetbasierte Zahlungssysteme, wie Apple Pay oder Google Pay, genauso wie die Entwicklung von „instant payment“, bei der die Buchung von Geldbeträgen in Realtime erfolgt, dürften den derzeit noch fast ausschließlich bankbasierten Zahlungsverkehr in den nächsten Jahren deutlich verändert.

Diese strukturellen Veränderungen sollten sich auch auf die Notenbanken auswirken. Zudem kann man auch die provokante Frage stellen, ob die Notenbanken tatsächlich die Zinsen festsetzen sollen  oder dies den Banken und den Märkten überlassen können. Vielmehr könnte die Zinssteuerung eher indirekt über die Geldmengensteuerung erfolgen. Dies würde natürlich eine gut ausgebaute und sinnvolle Bankenregulierung erfordern. Diese wiederum muss auch nicht zwingend bei den Notenbanken angesiedelt sein.

Die Finanzmärkte, die Banken und die Regulierung unterliegen starken Veränderungen. Es wird nun auch Zeit, sich über die zukünftige Rolle eines der Hauptakteure – der Notenbanken – Gedanken zu machen. Ob es dabei ausreicht, sich über eine neue Definition von Inflationszielen auszutauschen, ist sehr fraglich. Vielmehr sollte man auch hier die grundsätzlichen Aufgaben und Funktionen für die Zukunft definieren.

 

 

 

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