Allmählich nehmen die Brexit-Belastungen für die Briten zu

Die Inflation in Großbritannien hat erneut Kurs auf die 3-Prozent-Marke genommen und dürfte in den kommenden Monaten sogar darüber liegen. Während der Preisdruck in anderen Industrieländern gerade wieder nachlässt, treibt das durch die Brexit-Unsicherheit geschwächte Pfund die britischen Verbraucherpreise kräftig in die Höhe. Leidtragende sind die Konsumenten, die ihre Anschaffungen inzwischen deutlich einschränken – der private Konsum, eine der tragenden Säulen der Konjunktur im Vereinigten Königreich, ist im zweiten Quartal fast zum Stillstand gekommen und hat das Wirtschaftswachstum deutlich ausgebremst. Auch auf die Zuwanderung wirkt das schwache Pfund sowie die Unsicherheit rund um den bevorstehenden EU-Austritt dämpfend. Damit steuert die britische Wirtschaft auf nicht unerhebliche Beschäftigungsengpässe zu. Großbritannien bekommt die Bremswirkungen durch den Brexit mehr und mehr zu spüren – und sie dürften in den kommenden Monaten weiter zunehmen.

Die britischen Konsumenten müssen zurzeit wieder tiefer in die Tasche greifen: die Verbraucherpreise lagen im August um 2,9 Prozent über dem Vorjahr, damit ist die Inflationsrate seit Mai dieses Jahres zum zweiten Mal auf ein Vier-Jahres-Hoch geklettert. Verteuert haben sich vor allem importierte Waren wie Kleidung und Schuhe, aber auch Autozubehör und -reparaturen sind deutlich kostspieliger geworden. Hinzu kommt der wieder höhere Ölpreis, der sich prompt an den Zapfsäulen niedergeschlagen hat. Hauptpreistreiber ist das schwache Pfund Sterling, das seit dem Brexit-Votum im vergangenen Jahr rund 20 Prozent an Wert verloren hat, davon allein während der zurückliegenden Sommermonate etwa 10 Prozent. Der Preisschub sollte deshalb anhalten, die Inflationsrate dürfte aus unserer Sicht in den kommenden Monaten auch über die 3-Prozent-Marke steigen. Die Briten haben also nichts zu lachen und werden den Gürtel wohl noch einmal enger schnallen müssen. Bereits in der ersten Hälfte dieses Jahres hat der private Konsum deutlich abgebremst, im zweiten Quartal ist er fast zum Stillstand gekommen. Das Konsumklima ist stark eingetrübt, und das trotz der ausgesprochen guten Beschäftigungslage. Eine Erholung des Konsums ist daher vorerst nicht absehbar – die britische Konjunktur muss somit zunehmend auf einen ihrer wichtigsten Wachstumsträger verzichten.

Eine weitere Belastung durch Brexit-Perspektive und Pfund-Schwäche kommt förmlich „durch die Hintertür“: Seit Mitte letzten Jahres hat die bis dahin hohe Zuwanderung ins Vereinigte Königreich deutlich nachgelassen, vor allem der bis dato sehr lebhafte Zuzug osteuropäischer EU-Bürger. Zusätzlich kehren viele Einwanderer in ihre Heimatländer zurück. Seit dem Brexit-Votum sind per Saldo fast 100.000 Migranten weniger nach Großbritannien gekommen als vor dem Volksentscheid. Dies hängt sicherlich mit der Unsicherheit darüber zusammen, welchen Status EU-Bürger nach dem Austritt in Großbritannien haben werden, aber nicht nur. Gerade für viele Osteuropäer, die einen Teil ihres Verdienstes in die Heimatländer schicken, stellt der starke Wertverlust der britischen Währung nun einen signifikanten Einkommensverlust dar, der das Leben in Großbritannien unattraktiver macht. Ebbt die Migrationswelle weiter ab und nimmt auch die Rückwanderung weiter zu, ist in zahlreichen Branchen ein Arbeitskräftemangel absehbar, der sich so leicht nicht auffangen lassen wird. Gerade osteuropäische Migranten sind aus einigen Bereichen der britischen Wirtschaft kaum mehr wegzudenken – in der Bauwirtschaft, der Industrie, vor allem aber in der Landwirtschaft. Dabei sind sie weit überproportional in Niedrig-Lohn-Jobs tätig, die Briten im Zweifelsfall gar nicht annehmen möchten. Für die britische Wirtschaft bedeutet dies, dass sie auch auf diesem Weg mit Belastungen rechnen muss. Die lebhafte Zuwanderung hat in den vergangenen Jahren positiv zur guten Konjunkturentwicklung des Landes beigetragen – lässt sie nun nach, geht ein weiterer wichtiger Wachstumsfaktor verloren.

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