EZB Strukturbericht: Nichtbanken-Finanzsektor nimmt an Bedeutung zu

Gestern hat die EZB ihren jährlichen Bericht zur Strukturentwicklung des Finanzsektors in der Eurozone veröffentlicht. Darin zeigt die Notenbank kurzfristige, aber auch längerfristige Entwicklungen auf, die teilweise intuitiv erscheinen, teilweise aber auch überraschen.
Bei der Betrachtung des gesamten Finanzsektors, der neben Banken auch Versicherungen, Pensionsfonds, Investmentfonds und andere Finanzunternehmen umfasst, ist die interessanteste Feststellung, dass der Bankensektor an relativer Bedeutung verliert. Lag der Anteil des Nichtbanken-Finanzsektors vor der Finanzkrise 2008 noch bei 43%, ist er seither bis auf 55% gestiegen. Dabei ist der Finanzsektor insgesamt weiter gewachsen. Summierte sich dessen Volumen 2008 noch auf 55 Bio. Euro, waren es Ende 2015 bereits auf 71 Bio. Euro und Anfang 2017 rund 76 Bio. Euro. Die steigende Bedeutung des Nichtbanken-Sektors erklärt sich auch durch die Tatsache, dass die Veränderungsrate bei den Nettobankkrediten an Unternehmen seit der Finanzkrise in den meisten Jahren negativ war und erst 2016 wieder in den positiven Bereich zurückgekehrt ist.

Die Finanzkrise hat auch eine starke Konsolidierungswelle ausgelöst. So hat die Zahl der Kreditinstitute in der Eurozone in den Jahren 2008 bis 2016 um ein Viertel abgenommen, von 6.062 auf 4.385. Allein 2016 sank die Zahl um 401. Wenig überraschend hat im Zuge der Kosteneinsparmaßnahmen auch die Zahl der Bankfilialen von 2008 bis 2016 kontinuierlich abgenommen, um insgesamt ein Fünftel oder 36.902 Filialen. Rund die Hälfte der Filialschließungen fand in Spanien statt. Insgesamt entfallen in der EWU damit 2.278 Einwohner auf eine Filiale, in Deutschland hingegen 2.575 Einwohnern; damit verfügt Deutschland also relativ über weniger Filialen als der EWU-Durchschnitt.
Die konsolidierte Bilanzsumme ist seit 2008 um 14% auf 24,2 Bio. Euro geschrumpft. Das Kreditvolumen hat sich in der Eurozone 2016 um rund 1% erhöht. Dagegen nahm das Volumen der von Banken gehaltenen Staatsanleihen weiter ab. Die EZB führt dies auf den Rückgang der Positionen in nationalen Staatsanleihen nach der Finanzkrise sowie das Ankaufprogramm der EZB zurück. Dieses Phänomen war in der EWU weitverbreitet zu beobachten, mit Ausnahme von Finnland, Luxemburg und Portugal.

Die Rentabilität des Eurobankensektors blieb 2016 stabil zum Vorjahr und ist nach wie vor sehr niedrig. Gegenüber den ohnehin schon niedrigen Niveaus hat sie sich in Italien und Portugal nochmals verringert. Der Medianlevel an zahlungsgestörten Krediten (NPL) hat 2016 weiter abgenommen, ist aber nach wie vor in einigen Ländern hoch.
Nach wie vor hindern strukturelle Ineffizienzen die Rentabilität, gemessen an den zumeist stabilen, teilweise sogar steigenden Aufwand/Ertragsquoten. So beläuft sich die Aufwand/Ertragsquote in der Eurozone 2016 auf 58%. Deutlich höhere Quoten weisen die Banken in Deutschland, Frankreich und Italien auf. Dies ist teilweise Folge eines höheren Anteils des Kapitalmarktgeschäfts in diesen Ländern, aber auch Konsequenz einer stärkeren Fragmentierung des Bankensektors.

Letztlich sind viele dieser Entwicklungen beobachtbar und bekannt. Beispielsweise ist die Tatsache, dass Banken aus Kostengründen immer mehr rationalisieren und ihr Filialnetz ausdünnen, um steigende Aufwendungen aus der Umsetzung immer neuer regulatorischer Vorgaben aufzufangen, täglich erlebbar, da immer Bankfilialen geschlossen werden. Die Bankenwelt befindet sich im Wandel und Digitalisierung, Blockchain-Technologie und sogenannte FinTechs stellen Banken vor immer neue Herausforderungen. Banken müssen schnell auf das sich wandelnde Umfeld reagieren, damit sie nicht den Anschluss an die Paypals dieser Welt verlieren. Auf der anderen Seite ist es hier aber wichtig, dass die gleichen Wettbewerbsbedingungen gelten. Die steigende Bedeutung des Nichtbanken-Finanzsektors, der bislang nur in Teilen reguliert wird (zum Beispiel im Versicherungsgeschäft), macht deutlich, dass möglicherweise von diesem die nächste Finanzkrise ausgehen könnte, sollte hier nicht rechtzeitig eine funktionierende und umfassende Überwachung analog zum Bankensystem installiert werden.

 

 

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