Trotz leichter Beschleunigung im dritten Quartal: Britische Wirtschaft fährt weiter „mit angezogener Handbremse“

Großbritannien kann für das zurückliegende dritte Quartal zwar eine leichte Beschleunigung des Wirtschaftswachstums vermelden. Mit 0,4 Prozent bleibt der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal aber bestenfalls durchschnittlich. Im ersten und zweiten Quartal sind die Briten mit ihren schwachen Wachstumsraten sogar auf dem letzten Platz im Kreis der sieben größten Industriestaaten gelandet. Das jährliche Wachstum liegt inzwischen nur noch bei 1,5 Prozent. Damit hat es sich innerhalb von zweieinhalb Jahren mehr als halbiert – nicht ausschließlich, aber hauptsächlich wegen des nahenden EU-Austritts.

Die Bremseffekte im vergangenen Quartal waren dieselben wie in der ersten Jahreshälfte: Der Service-Sektor, wichtigster Wachstumsträger der letzten Jahre, ist erneut nur verhalten gewachsen. Insbesondere konsumnahe Dienstleistungen, wie der Einzelhandel oder die Gastronomie, schnitten wieder schlecht ab. Der private Konsum dürfte also schwach geblieben sein. Die britischen Verbraucher leiden zunehmend unter den Kaufkraftverlusten der beträchtlich verteuerten Importe, wofür vor allem die starke Pfund-Abwertung seit dem Brexit-Votum verantwortlich ist. Die Inflation hat inzwischen sogar die 3-Prozent-Marke erreicht und übertrifft das Lohnwachstum deutlich, die Reallöhne schrumpfen.

Die gute Nachricht der neuesten Wachstumszahlen ist, dass die Konjunktur während der Sommermonate nicht noch weiter an Schwung verloren hat – trotz des Wahldebakels von Regierungschefin Theresa May und trotz der mehr als unbefriedigenden Fortschritte bei den Brexit-Verhandlungen in Brüssel. Zu verdanken ist dies der guten Entwicklung in der Industrie, die im vergangenen Quartal so stark gewachsen ist wie seit über einem Jahr nicht mehr. Die Stimmung in der Industrie ist weiterhin ausgesprochen gut. Dort freut man sich über die positiven Effekte des schwachen Pfunds auf die Exporte, für die sich in diesem Jahr ein Rekordwachstum abzeichnet.

Wie lange die Exportindustrie die Konjunktur auf den britischen Inseln noch stützen kann, ist allerdings fraglich. Die Sorgen, dass Großbritannien letztlich auf einen „harten“ oder sogar einen ungeordneten Brexit zusteuert, dürften in den kommenden Monaten zunehmen. Darunter würde auch das Industrieklima leiden. Hinzu kommen die immer konkreter werdenden Umzugspläne zahlreicher Londoner Banken, die im Verlauf des nächsten Jahres vermutlich allmählich in die Tat umgesetzt werden. Dies wird nicht nur das Wachstum des Service-Sektors weiter ausbremsen, sondern auch die britische Baukonjunktur belasten, die sich inzwischen ohnehin am Rande der Rezession befindet. Spätestens im kommenden Jahr dürfte das BIP-Wachstum deshalb wieder nachgeben. Die britische Wirtschaft fährt also weiterhin „mit angezogener Handbremse“. Sollte schließlich die Bank of England unter dem Eindruck der temporär hohen Inflation tatsächlich an der Zinsschraube drehen, könnte dies eine zusätzliche Belastung für die britische Wirtschaft darstellen.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 5.00

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *