Das italienische Bankensystem bleibt anfällig

Nach einem turbulenten ersten Halbjahr war es ein wenig ruhiger geworden um die italienischen Banken, doch nun haben die Probleme von Banca Carige den Fokus der Marktteilnehmer wieder auf den Sektor gelenkt. Die Bank aus Genua benötigt dringend frisches Kapital, doch die Geldbeschaffung drohte zu scheitern. Durch mittlerweile ausgesprochene Übernahmegarantien von unter Umständen nicht gezeichneten neuen Aktien scheint die Kapitalerhöhung, die bis zum 6. Dezember laufen wird, nun zwar „in trockenen Tüchern“, doch es bleibt abzuwarten, ob die weitere Sanierung des Instituts gelingt.

Wieder sind es vor allem hohe Volumina an notleidenden Krediten (NPL), die für die Probleme der Bank verantwortlich sind und ihr Kapital aufzehren. Der ganze italienische Bankensektor ächzt weiterhin unter der schlechten Kreditqualität. Insgesamt noch rund 300 Mrd. Euro an „sofferenze“ – Kredite, ausgereicht an insolvente oder ähnlich bonitätsschwache Schuldner – halten die italienischen Banken noch in ihren Büchern. Dabei handelt es sich vor allem um an kleine und mittlere Unternehmen ausgereichte Kredite, die besonders empfindlich auf die langanhaltende wirtschaftliche Schwäche Italiens reagiert haben.

Die freundlicheren Konjunkturdaten und die aufgehellten Prognosen sind daher gute Nachrichten für den noch immer angeschlagenen Bankensektor. So entwickelten sich die hohen NPL-Volumina zuletzt bereits rückläufig, wobei neben etwas geringeren Neuzuflüssen – insbesondere bei den großen Banken – und Abschreibungen vor allem Verkäufe eine wichtige Rolle spielen. Zahlreiche italienische Banken setzen derzeit umfangreiche Abbau- und Umbaupläne um, in deren Rahmen zunehmend Problemkredite verbrieft und verkauft oder direkt verkauft werden. Allein UniCredit, Italiens größte und einzige global systemrelevante Bank, konnte im ersten Halbjahr 2017 notleidende Kredite im Volumen von über 17 Mrd. Euro verkaufen. Der Anteil notleidender Kredite am Gesamtkreditvolumen reduzierte sich in der Folge ebenfalls und sank für den gesamten Bankensektor auf rund 15%.

Die Krise bei Banca Carige zeigt aber, wie fragil und störungsanfällig die italienischen Banken weiterhin sind. Denn trotz erster erfolgreicher Abbaumaßnahmen ist der Bestand an NPL weiterhin sehr hoch. Ein schneller, deutlicher Abbau auf verträglichere Niveaus erscheint unwahrscheinlich, da die Problemkredite angesichts eines zwar erkennbaren, aber doch wenig dynamischen Konjunkturaufschwungs nur zögerlich an Wert aufholen werden. Auch die Verkäufe sind für viele Banken weiterhin nur zu unattraktiven, kapitalzehrenden Preisen unter Buchwert möglich. Und weitere potenzielle Risikofaktoren sind am Horizont sichtbar, wie beispielsweise der EU-weite Bankenstresstest, der 2018 wieder von EZB und EBA durchgeführt und dessen Ergebnis Anfang November veröffentlicht werden wird. Sollte der bis dahin erfolgte Abbau und der weitere geplante Umgang der italienischen Banken mit den hohen NPL-Volumina den Erwartungen der EZB nicht genügen, könnte die Aufsicht gegensteuern und beispielsweise konkrete Abbauziele vorgeben oder auch zusätzliche Kapitalanforderungen unter Säule 2 stellen. Der Stresstest wird zudem auch die Veränderungen, die sich durch die Einführung von IFRS9 ergeben, berücksichtigen. Darüber hinaus stellen auch die bis spätestens Mai 2018 durchzuführenden Parlamentswahlen in Italien ein Risiko für die Stabilität des Bankensektors dar. Auch wenn wir einen europafreundlichen Wahlausgang und die Bildung einer stabilen Regierung erwarten, könnte die Unsicherheit der Marktteilnehmer im Vorfeld angesichts europakritischer Stimmen aus dem Parteienumfeld und eines vermutlich auch mit populistischen Argumenten geführten Wahlkampfs zunehmen.

 

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