Türkei: Positive Wahrnehmung derzeit Mangelware

Unter den größeren Schwellenländern ist kaum eines so stark auf eine wohlwollende Risikowahrnehmung durch die Märkte angewiesen wie die Türkei. Das Land hat einen hohen externen Finanzierungsbedarf, welcher aus dem chronischen Minus in der Leistungsbilanz und einem erhöhten Anteil kurzfristiger Auslandsverbindlichkeiten resultiert. Dazu kommt eine nicht besonders üppige Ausstattung mit Devisenreserven. Die Alternative zu einer günstigen Risikobeurteilung ist – wenn man so möchte – ein Anstieg der Refinanzierungskosten.

In den letzten Wochen hat die Türkei diverse Dämpfer im Hinblick auf die Risikowahrnehmung bekommen. Eingeleitet wurde diese Tendenz durch diplomatische Belastungsproben wie die neuerlich formulierten Unabhängigkeitsbestrebungen der (irakischen) Kurden sowie den Streit um die wechselseitige Einstellung von Visa-Erteilungen zwischen Washington und Ankara. Wenig hilfreich waren auch Anmerkungen der Ratingagentur S&P. Diese hatte einen Kommentar verfasst, in welchem sie die neuen „Fragilen Fünf“ identifiziert, also Staaten, die in einem Umfeld knapper werdender globaler Liquidität besonders anfällig sein dürften. Die Türkei ist prominent in diesem Club vertreten (neben Argentinien, Pakistan, Ägypten und Katar).

Weitere Hinweise auf die schwache externe Position des Landes lieferte auch der IWF. Im Global Financial Stability Report war die Türkei an mehreren Stellen mit Hinweisen auf die im EM-Vergleich erhöhte externe Anfälligkeit zu finden. Der IWF führt aus, dass eine Verknappung der durch die großen Notenbanken bereitgestellten globalen Liquidität auch die Türkei vor Herausforderungen stellen könnte. Der wieder angestiegene Ölpreis ist ebenfalls ein Belastungspunkt und höhere Kosten für Energieimporte dürften auf die externen Bilanzen durchschlagen. Das über 12 Monate kumulierte Leistungsbilanzminus ist im September auf rund 40 Mrd. USD und damit den höchsten Wert seit rund zwei Jahren gestiegen.

Abgerundet wird das schwierige Bild durch die neuerliche Debatte um die Zinspolitik. Die türkische Notenbank hat in den letzten 10 Jahren nur einmal das gesetzte Inflationsziel erreicht und auch 2017 scheint die Marke von 5% in weiter Ferne. Es bleibt somit ein gewisses Glaubwürdigkeitsdefizit der Geldpolitik und unlängst hat Staatspräsident Erdogan implizit erneut gefordert, dass die Zentralbank die Zinsen eher senken, denn weiter anheben solle. Angesichts der politischen Verhältnisse in der Türkei werden solchen Äußerungen oftmals nicht nur als „Vorschlag“ gewertet, was dann gleichzeitig auch die Unabhängigkeit der Notenbank in Frage stellt.

Nachdem die Lira in den vergangenen Wochen deutlich unter Druck stand, waren zuletzt wieder relativierende Stimmen aus Ankara zu vernehmen. Der Schaden dürfte aber schon eingetreten sein und das wirtschaftspolitische Management wird durch die beschriebenen Entwicklungen erschwert. Vermutlich dürfte eine klare Zinsanhebung wieder einmal der Preis sein, der für die eingetrübte Risikowahrnehmung zu entrichten ist.

 

 

 

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