Harter“, „weicher“ oder doch kein Brexit? Wohin steuert Großbritannien 2019?

Selten war der Ausblick so unsicher: Noch immer ist völlig unklar, wie der Brexit ablaufen wird. Die Verhandlungen zwischen Brüssel und London sind seit Wochen völlig festgefahren, auch momentan kommt nur schleppend Bewegung in die Gespräche. Sicherlich, die Interessensunterschiede zwischen beiden Verhandlungspartnern sind groß. London will im Prinzip die „Quadratur des Kreises“ – keine lästigen Pflichten der EU-Mitgliedschaft, wohl aber die Vorteile des Binnenmarktes. Das haben die Brexit-Anhänger im Wahlkampf versprochen und diesem Wunschdenken hängen sie bis heute nach. Die äußerst labile innenpolitische Lage in Westminster erschwert eine größere Kompromissbereitschaft. Die Brüsseler Verhandlungsseite hält dagegen fast schon dogmatisch an der zweistufigen Verhandlungsführung fest – erst die Austrittsfragen, dann die künftigen Handelsbeziehungen. Damit standen die Briten schnell mit dem Rücken zur Wand: sie sollten wesentliche Zugeständnisse machen, ohne ihrerseits in den ihnen wichtigen Belangen auf Entgegenkommen hoffen zu können, was fast zwangsläufig zum Stillstand in den Gesprächen geführt hat.

Damit liegen weiterhin völlig unterschiedliche Varianten des Brexit-Verlaufs im Bereich des Möglichen – mit ebenso unterschiedlichen Implikationen für die Konjunktur. Platzen die Verhandlungen, weil sich in London die Brexit-„hardliner“ endgültig gegen die geschwächte Premierministerin durchsetzen? Großbritannien droht dann im März 2019 ungeordnet und ohne jegliches Abkommen aus der EU auszuscheiden. Dies ist sicherlich der „worst case“, denn es wären über Nacht Zölle im Außenhandel fällig, die zu einer konjunkturellen Vollbremsung führen würden – ein „sehr harter Brexit“. Längst nicht ausgeschlossen ist aber auch der andere Extremfall, der „Exit vom Brexit“. Bereits jetzt wächst in der britischen Bevölkerung das Bedauern über den beschlossenen Austritt aus der EU, Konjunktur- und Inflationsängste könnten den Sinneswandel verstärken. Für die Wirtschaft wäre dies der „best case“. Aufholeffekte bei den Investitionen und beim Konsum könnten 2019 für eine kräftige Konjunkturerholung sorgen. Auch ein Abkommen nach norwegischem Vorbild käme für die Wirtschaft auf dasselbe hinaus und könnte der überwiegend EU-skeptischen Bevölkerung gesichtswahrend als Austritt „verkauft“ werden. Für diesen „sehr weichen Brexit“ macht sich Oppositionsführer Jeremy Corbyn stark. Er könnte mit dieser Haltung im Falle von Neuwahlen womöglich punkten.

Eine „Vernunftlösung“ wäre sicherlich das beste Ergebnis der Verhandlungen. In unserem Hauptszenario, das auch der aktuellen Konjunkturprognose zugrunde liegt, unterstellen wir eine Kompromisslösung, die Vorteile für beide Verhandlungspartner hätte: Ein Zollabkommen, in Anlehnung an das Konzept der Zollunion, das nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren in Kraft tritt. Während der Übergangsphase verbleibt Großbritannien mit allen Rechten und Pflichten im Binnenmarkt, ist aber kein EU-Mitglied mehr.

Vorteile: Die Zollfreiheit im Warenhandel bleibt erhalten, die Industrie auf beiden Seiten des Ärmelkanals profitiert. Die Wertschöpfungsketten bleiben unbeschädigt. Großbritannien braucht keine Beitragszahlungen mehr nach Brüssel zu leisten und muss auch nicht länger die Personenfreizügigkeit akzeptieren. Der Bankenpass ginge allerdings verloren, was zu deutlichen Anpassungen im britischen Finanzsektor führt. Die EU hätte damit aber klargemacht, dass es mit ihr kein „Rosinenpicken“ gibt. Und durch die Übergangsphase können die Belastungen für die britische Wirtschaft zeitlich gestreckt und abgefedert werden – es wäre ein „weicher Brexit“. Die britische Wirtschaft könnte sich nach der schwächeren Entwicklung des Vorjahres im Jahresverlauf 2019 moderat erholen. Das Arrangement brächte auch Bewegung in die Irland-Frage, die die Brexit-Verhandlungen momentan ebenfalls blockiert: Eine „harte Grenze“ zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem britischen Nordirland, die eine Gefahr für den labilen Friedensprozess in der Region wäre, könnte so vermieden werden.

Wir setzen die Eintrittswahrscheinlichkeit für unser Hauptszenario mit 50 Prozent relativ niedrig an. Das Risiko ist groß, dass die Verhandlungen platzen, genauso wie die Chance auf einen einschneidenden Sinneswandel in der britischen Bevölkerung. Fakt ist aber: Die politischen Entscheidungen der nächsten Monate haben in außergewöhnlichem Maße einen weichenstellenden Einfluss auf die britische Wirtschaft. Die Politik – in London wie in Brüssel – trägt damit eine hohe Verantwortung.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 4.00

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *