Sorgen vor einer neuen Dotcom-Blase sind übertrieben

Nächste Stufe der digitalen Revolution bringt Wachablösung am Aktienmarkt
Während der industriellen Revolution führte die Erfindung mechanischer Maschinen zu einer zunehmenden Verdrängung menschlicher Arbeitskraft. Mit der Erfindung der Massenproduktion Anfang der 1920er Jahre beschleunigte sich diese Entwicklung. Produktivitätsverbesserungen erzeugten wirtschaftliches Wachstum, verbunden mit einer deutlichen Verbesserung des Lebensstandards. Mit der Erfindung der Halbleiter und Computer wurde dann die „digitale“ Revolution eingeleitet. Diese dauert heute noch an und dürfte sich auch noch viele Jahre fortsetzen. Im deutschsprachigen Raum wird in diesem Zusammengang gerne der Begriff „Industrie 4.0“ verwendet, bereits in den kommenden Jahren werden Maschinen mit Bewusstsein erwartet.
Die laufende Zwischenstufe der digitalen Revolution, gekennzeichnet durch eine massenhafte Sammlung, Speicherung und Übertragung/Teilung digitaler Daten, wurde durch Unternehmen aus den Bereichen der Informations- und Kommunikationstechnologien ausgelöst. Deren Soft- und Hardwareprodukte nutzen die bereits vorhandene Infrastruktur (das Internet) und bauen auf diesen Absatzmärkten auf, die innerhalb kurzer Zeit hunderte von Millionen (z.B. Suchmaschinen, e-payment Systeme) oder gar Milliarden Nutzer erreichen (z.B. Facebook, youtube-Videos). Ein Unternehmen mit zwei Milliarden potenziellen Kunden – das hatte es zuvor noch nicht gegeben. Es gibt daher wohl kaum ein Wort an den Aktienmärkten, das dieser Tage so häufig die Runde macht wie der Begriff der „digitalen Disruption“. Diese zwingt ganze Branchen zum Umdenken. Intelligente Maschinen und Software stehen zwischenzeitlich unter den Schlagwörtern „Robotics“ oder „AI“ (künstliche Intelligenz) nicht mehr nur bei Futurologen, sondern bei allen Unternehmen auf der Tagesordnung.

Die führenden Unternehmen dieses Zeitalters kommen ausnahmslos aus den Vereinigten Staaten. Sie decken mit ihren Plattformen den weitaus größten Teil der Welt ab. Die einzige Ausnahme ist der chinesische Markt, der von der Regierung gegenüber westlichen Unternehmen geschützt wird und gefördert wird. In China sind es die Konzerne Alibaba und Tencent, die die Entwicklung vorantreiben. Der europäische Technologiesektor hat den Anschluss in der Breite hingegen längst verpasst. Nur noch SAP kann in seinem Markt mit einer Marktkapitalisierung von 110 Mrd. Euro eine wichtige Rolle einnehmen.

 

Ende Juni 2016 kamen die fünf größten Unternehmen der Welt, gemessen am Börsenwert, aus den USA: Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook führen die Rangliste an. Vor noch zehn Jahren waren die Top-5-Unternehmen weltweit noch Exxon Mobil, General Electric, Total, Microsoft und Citigroup. Vier dieser Unternehmen waren Vertreter alteingesessener Industriesparten, die schon seit vielen Jahrzehnten existierten Es hat also eine dramatische Verschiebung in der Liste der größten Unternehmen gegeben. Auch die chinesischen Alibaba und Tencent bringen jeweils über 400 Mrd. USD an Börsenkapitalisierung auf die Waage.

Auch wenn die Bewertung einiger US-Technologie- und Internetunternehmen optisch jeglichen Rahmen sprengt, so kann von einer Blasenbildung am Gesamtmarkt wie im Jahr 2000 nicht die Rede sein. Im Gegensatz zur „dotcom“-Blase vor gut 17 Jahren sind genannte Unternehmen keine Gesellschaften à la „pets.com“ & Co., die damals nur von vollmundigen Versprechungen lebten, operativ aber kein Geld verdienten oder schlimmstenfalls gar keine Umsätze erzielten. Vielmehr nehmen die Top-5-Gesellschaften weltmarktbeherrschende Positionen ein, die bereits zu einer hohen Profitabilität geführt haben (z.B. Apple) oder noch führen können werden (Amazon). Operativ verdienen z.B. die „Fabulous“ -Werte fast 50 Mrd. USD im Jahr.

Vom heutigen Ausgangspunkt betrachtet agieren diese Unternehmen in Märkten, in denen in den kommenden Jahren noch raumgreifendes Wachstum erzielt werden kann. Beispiel Amazon: Das Unternehmen erzielte im vergangenen Jahr 112 Mrd. US-Dollar Umsatz im Kerngeschäft (ohne Web Services, zum Vergleich; Wal-Mart 482 Mrd. US-Dollar Umsatz). Gemessen am Gesamtvolumen des globalen Online-Einzelhandels (1,9 Bio US-Dollar, Quelle: eMarketer.com) entspricht dies „lediglich“ einem Marktanteil von sechs Prozent, gemessen am gesamten Volumen des weltweiten Einzelhandels (stationär plus online, 22 Bio-US-Dollar, gleiche Quelle) errechnen sich nur 0,6% Marktanteil. Es scheint noch genügend Markt für eine erfolgreiche Expansion vorhanden. Selbst wenn in den Kernmärkten kein Wachstum mehr möglich sein sollte, bestehen zahlreiche Opportunitäten, in neue Geschäftsfelder zu expandieren. Diese Strategie verfolgen Amazon (z.B. durch die Amazon Web Services) und Alphabet (englisch auch für eine Wette auf Outperformance, im Finanzenglisch „Alpha“ genannt) bereits seit einiger Zeit. Dabei halten sich die Unternehmen bisher von kapitalintensiven Geschäften fern (z.B. Übernahme eines Autoherstellers), so dass das Verlustrisiko meist überschaubar scheint.

Marktführerschaft kann zu höheren Umsätzen, höherer Profitabilität und damit einer höheren Rendite auf das eingesetzte Kapital führen. Dadurch steigt die finanzielle Leistungsfähigkeit der oft auch „FANG“ (Facebook, Amazon, Netflix, Google) genannten Unternehmen enorm an. Bereits heute sitzen besagte Gesellschaften auf riesigen Barmittelbeständen. So betrug zum Geschäftsjahresende 2016 die Nettoliquidität (Barmittel nach Abzug der Schulden) bei Apple 147 Mrd. USD und bei Google 82 Mrd. USD. Auch Microsoft (59 Mrd. USD), Facebook (32 Mrd. USD) und einige andere Unternehmen sitzen auf enormen Beständen überschüssiger Liquidität. Zur Einordnung: Die Nettoliquidität der sechs größten US-Unternehmen (auch Berkshire Hathaway befindet sich darunter) wäre mit rund 500 Mrd. USD ausreichend, um auf einen Schlag die sechs größten deutschen Unternehmen im DAX (SAP, Siemens, Bayer, BASF, Daimler, Allianz) zu heutigen Marktpreisen zu kaufen.

Das exponentielle Wachstum dieser wenigen „Superstar“-Firmen dient jungen Gründern als Vorbild, ebenfalls Geschäftsmodelle zu entwickeln, die disruptiv wirken können. Eine (digitale) disruptive Technologie ist dabei eine Innovation, die durch äußerst hohe Wachstumsraten eine bereits existierende Nachfrage nach einem Produkt, einer Dienstleistung oder eine Technologie aus der „analogen“ Welt in ein neues digitales Produkt umleitet (z.B. Online-Lieferdienste für Pizza). Die Erzielung eines betriebswirtschaftlichen Gewinns steht bei diesen Geschäftsmodellen zunächst nicht immer im Mittelpunkt, sondern die „Disruption“ als solche, denn die digitale Welt ermöglicht ein hohes Wachstum zu deutlich niedrigeren Kosten als in der analogen Welt.

Die Ökonomie des Teilens („Sharing-Economy)“, die vielfach hinter diesen Geschäftsmodellen (z.B. Car-Sharing, Room-Sharing) steht, könnte in den kommenden Jahren an ihre Grenzen stoßen. Bereits heute scheinen Geschwindigkeit des Wachstums und die Gratwanderung zwischen analoger und digitaler Welt Politik und Gesellschaft zu überfordern, wie die Anzahl steigender lokale Proteste und Verbote gegen Unternehmen wie Uber (Taxi) und AirBnB (Übernachtungen) zeigt. Die Proteste gegen solche Anbieter erfolgen nicht zu Unrecht, schließlich wird in diesen Systemen nicht so demokratisch geteilt, wie es den Eindruck hinterlassen soll. Den Großteil der Pflichten und Risiken übernehmen die Betreiber, die Gewinne fließen an die Firmen.

Wenngleich sich die digitale Disruption fortsetzen und mit neuen Technologien, z.B. der Blockchain (einer schnellen, dezentralen Verschlüsselungstechnik von Datenblöcken), noch weitere Meilensteile unmittelbar vor sich haben dürfte, wird das Wachstum vieler „Superstar“-Firmen eines Tages an Grenzen stoßen. Möglicherweise wird dann eine stärkere Kooperation der Firmen erforderlich sein. Bereits heute ist erkennbar, dass die Kongruenz der Geschäftsfelder der Top-5 US-Unternehmen ansteigt, die Mehrzahl der führenden US-IT-Unternehmen beschäftigt sich mit den Bereichen Cloud-Computing, künstliche Intelligenz, Heim-Assistenten, autonomes Fahren usw.

 

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