Stühlerücken in der EZB – Draghi-Nachfolger gesucht

Die europäischen Währungshüter stehen angesichts einer sich zusehends erholenden europäischen Konjunktur derzeit vor der Herausforderung, ihre bisherige geldpolitische Ausrichtung allmählich zu adjustieren. Angesichts einer weiterhin auf niedrigem Niveau verharrenden Teuerung dürfte der geldpolitische Stimulus allerdings nur sehr behutsam zurückgenommen werden. Doch als wäre diese Gratwanderung nicht schon Herausforderung genug, müssen binnen der kommenden zwei Jahre vier des sechs Sitze umfassenden EZB-Direktoriums neu besetzt werden. So endet die achtjährige Amtszeit von EZB-Vize Constancio bereits in etwa vier Monaten. Bis Ende 2019 scheiden zudem EZB-Chefvolkswirt Praet, EZB-Chef Draghi und Ratsvertreter Coeuré aus dem Gremium aus.

Formell bestimmen die Vertreter des Europäischen Rats über die Nachfolge der ausscheidenden EZB-Direktoriumsmitglieder. Im Vorfeld sind allerdings auch noch Anhörungen durch das Europäische Parlament und den EZB-Rat vorgesehen. Wie immer bei europäischen Spitzenämtern muss zwischen den divergierenden Interessen der Mitgliedsstaaten ein Kompromiss gefunden werden. Besonders heikel ist in diesem Zusammenhang wohl die Personalie des neuen EZB-Chefs. Bundes-bankchef Weidmann gilt bereits seit geraumer Zeit als ein möglicher Kandidat. Doch angesichts seiner kritischen Haltung zum Anleiheankaufprogramm, haben einige südeuropäische Länder bereits ihre Vorbehalte gegenüber dem Kandidaten geäußert.

Setzt sich Weidmann im Rennen um die Draghi-Nachfolge durch, würde unzweifelhaft das Falkenlager im EZB-Rat gestärkt werden. Dennoch erscheint uns die Sorge, dass damit ein Schwenk hin zu einer grundsätzlich restriktiveren bzw. dogmatischeren Geldpolitik etwas überzogen. Für Kontinuität in der Geldpolitik spricht in unseren Augen, dass ein neuer EZB-Chef nicht im Alleingang die weitere Marschrichtung der Notenbank bestimmt. So hat die EZB bereits in der Vergangenheit stets betont, dass geldpolitische Entscheidungen unter den Ratsvertretern im Konsens getroffen werden. Letztlich haben bei der Festlegung des zukünftigen geldpolitischen Kurses die konjunkturellen Rahmendaten weiterhin den bedeutendsten Einfluss.

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