Kryptowährungen: Zu früh für den Abgesang

So schnell kann‘s gehen – dieser Gedanke muss einem unweigerlich kommen, wenn man auf die Kursentwicklung bedeutender Kryptowährungen in den vergangenen Wochen blickt. Seit Jahresbeginn haben Bitcoin, Ripple und Litecoin, drei der bedeutendsten Vertreter ihrer Zunft, rund 50% an Wert eingebüßt. Im Falle von Ripple liegt das Minus verglichen mit den Höchstkursen von Anfang Januar sogar bei fast 75%. Die Marktkapitalisierung der rund 1.500 vorhandenen Kryptowährungen ist im Januar erheblich zurückgegangen. Lag diese vor wenigen Wochen noch über 800 Mrd. USD, fiel der Gesamtwert zuletzt unter die Marke von 400 Mrd. USD. Angesichts solcher Zahlen verwundert es nicht, dass viele Beobachter eine geplatzte Finanzblase identifizieren und das Ende der Kryptowährungen bereits gekommen sehen.

Die Liste der Gründe, die für den zu beobachtenden Stimmungswandel verantwortlich gemacht werden, ist lang und geht weit über die einfache Feststellung einer „vorangehenden Übertreibung“ hinaus. So geraten Kryptowährungen zunehmend in den Fokus der Regulierung. Insbesondere im asiatischen Raum, wo Bitcoin & Co. deutlich verbreiteter sind als in hiesigen Gefilden. In China geht der Staat gegen Bitcoin-Miner vor. Zudem blockiert Chinas Staatsapparat laut Medienberichten den Internetzugang zu Handelsplätzen für Kryptowährungen. Die indische Regierung ließ ebenfalls verlauten, dass Maßnahmen ergriffen würden, um Kryptowährungen als Zahlungsmittel zu verhindern.
Neben dem eher strukturellen Belastungsfaktor strengere Regulierung gibt es aktuelle Ereignisse, die dem Ansehen von Kryptowährungen zusetzen. Die japanische Handelsplattform Coincheck wurde kürzlich Opfer eines Hackerangriffs mit einem Schaden von über 500 Mio. USD. Mittlerweile hat die japanische Finanzaufsicht die Räumlichkeiten des Unternehmens durchsucht. Auch in den USA geht die Aufsicht Unstimmigkeiten nach. Betroffen ist die bedeutende Handelsplattform Bitfinex, die im Verdacht steht, Kurse manipuliert zu haben.

Unabhängig von staatlichen Maßnahmen gibt es Meldungen aus der Privatwirtschaft, die aus Sicht der Anhänger von Kryptowährungen wenig erbaulich sein dürften. Zum einen haben Energieversorger in Europa und Kanada klargestellt, dass sie nicht bereit sind, in größerem Umfang Energie für das sogenannte Mining zur Verfügung zu stellen. Zum anderen hat der Konzern Facebook verlauten lassen, dass Werbeanzeigen mit Bezug zu Kryptowährungen bis auf weiteres gesperrt werden.

Ein nicht zu unterschätzender Anteil an der jüngsten Talfahrt der Kryptowährungen könnte zudem auf zwei ganz traditionelle Einflussfaktoren für die generelle Entwicklung an den Finanzmärkten zurückgehen. So hat der Risikoappetit der Finanzmarktakteure seit Jahresanfang spürbar nachgelassen. Dies legt unter anderem die Entwicklung des DZ BANK Volatilitätsindex nahe. Insbesondere vor dem Hintergrund ihrer Schwankungsanfälligkeit dürften Bitcoin & Co. in einem solchen Umfeld in den Augen potenzieller Investoren an Attraktivität einbüßen. Der Attraktivität der Kryptowährungen ebenfalls wenig zuträglich sind aufkeimende Spekulationen, wonach bedeutende Zentralbanken, allen voran die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank, ihre expansive Ausrichtung rascher zurückfahren könnten als noch vor einigen Wochen angenommen. Die Aussicht auf eine – zumindest perspektivisch – weniger üppig ausfallende Liquiditätsbereitstellung und höhere Leitzinsen dürfte vor allem traditionelle Finanzmarktakteure vor Engagements in Kryptowährungen Abstand nehmen lassen.

Zahlreiche Beobachter, die Ende 2017 ebenso wie das DZ BANK Research vor den mit Kryptowährungen einhergehenden Risiken gewarnt haben, dürften sich in diesen Tagen bestätigt fühlen. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bitcoin & Co. weiterhin über gewisse Vorteile gegenüber dem traditionellen Finanzsystem verfügen, allen voran die Möglichkeit grenzüberschreitende Transaktionen rasch, einfach und vergleichsweise sicher durchzuführen. Zudem scheint sich die zugrundeliegende Technologie, die Blockchain, mehr und mehr zu etablieren. Gestern wurde publik, dass die EU-Kommission eine Beobachtungsstelle für diesen Bereich einrichtet, um „die Risiken und das Potenzial“ auszuloten. Für den Abgesang auf die Kryptowährungen dürfte es vor diesem Hintergrund sicherlich deutlich zu früh sein.

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