SNB hakt Kapitel „EUR-CHF-Wechselkursuntergrenze“ ab

Drei Jahre, drei Monate und vier Tage nachdem die Schweizerische Nationalbank ihre Untergrenze in Euro-Franken aufgegeben hat, ist es passiert. Erstmals seit dem 15. Januar 2015 ist das Währungspaar gestern Abend wieder über die Marke von 1,2000 CHF geklettert. Selbst die für ihre Zurückhaltung bekannten Schweizer dürften dieses Ereignis mit einer gewissen Euphorie aufgenommen haben, können sie doch damit das schwierige und umstrittene Kapitel „Wechselkursuntergrenze“ als endgültig abgehakt ansehen.

Interessanterweise waren es vorrangig Faktoren außerhalb der Schweiz, die zu der Euro-Franken-Bewegung seit dem zweiten Quartal 2017 beigetragen haben. (Zur Erinnerung: vor rund einem Jahr lag das Währungspaar noch bei Kursen um 1,0650 CHF.) Insbesondere der mit dem Sieg von Emmanuel Macron aus EWU-Sicht erfreuliche Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen und die Aussicht auf ein Ende der ultra-expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank gaben dem Euro gegenüber dem Franken Auftrieb. Auslöser des jüngsten Anstiegs des Währungspaares dürften hingegen die von den USA erlassenen Sanktionen gegen russische Oligarchen gewesen sein. So mehren sich die Berichte, wonach Schweizer Banken und Unternehmen bemüht sind, die Einlagen und Beteiligungen wohlhabender Russen zu reduzieren, um nicht in den Fokus der US-Administration zu geraten. Belegen lässt sich diese These zwar nicht. Allerdings sind alternative, nennenswerte Impulse nicht zu beobachten.

Kein Startschuss für eine rasche Änderung der geldpolitischen Ausrichtung
Einfach verblassen wird die Erinnerung an die Stärke des Franken in den vergangenen Jahren bei den Schweizer Währungshütern sicherlich nicht. Zu deutlich war die Ausweitung der Zentralbankbilanz, die seit Anfang 2014 um weit über 300 Mrd. CHF auf zuletzt rund 820 Mrd. CHF vor allem durch Devisenmarktinterventionen angewachsen ist, zu niedrig ist das aktuelle Leitzins von -0,75%. Eine zeitnahe Abkehr vom weltweit niedrigsten Leitzinsniveau zeichnet sich unterdessen nicht ab. Thomas Jordan, der Vorsitzende der Schweizerischen Zentralbank, bemühte sich gestern aufkeimenden Erwartungen hinsichtlich einer bevorstehenden, weniger expansiven Geldpolitik in der Alpenrepublik entgegenzuwirken. Trotz der jüngsten Schwäche des Franken bestehe seiner Meinung nach keine Notwendigkeit, die geldpolitische Ausrichtung anzupassen. „Wir bleiben vorsichtig“, ergänzte Jordan. Angesichts einer Inflationsrate, die nach Einschätzung unserer Volkswirte sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr unter 1% (J/J) verbleiben sollte, ist dies eine durchaus glaubwürdige Ansage, insbesondere solange die Europäische Zentralbank keine Zinserhöhungen ins Auge fasst. Zu groß dürfte bei den Eidgenossen die Furcht vor einer erneuten, deutlichen Aufwertung des Franken gegenüber der europäischen Gemeinschaftswährung sein.

Einen ersten kleinen Schritt in Richtung Normalisierung könnte die Schweizer Nationalbank im Rahmen ihrer nächsten Sitzung im Juni dennoch vollziehen. Bislang sahen die Währungshüter das Franken-Niveau als „stark überbewertet“ an. Mit einem Euro-Franken-Kurs um 1,20 CHF, der von der SNB vor gut einem Jahr noch als „fair“ angesehen wurde, und einem handelsgewichteten Wechselkurs, der nur noch knapp über den Niveaus der Jahre 2012 bis 2014 liegt, besteht zweifelsohne Spielraum von dieser Einschätzung schrittweise abzurücken. Eine erste Leitzinserhöhung wird an den Geldmärkten derzeit mehrheitlich für das Frühjahr 2019 erwartet. Zwar dürfte sich diese Einschätzung als etwas zu optimistisch erweisen, rechnen wir doch erst für das zweite Quartal nächsten Jahres mit einem solchen Schritt. Die Spekulationen über eine Kehrtwende in der Schweizer Geldpolitik dürften jedoch bereits um den anstehenden Jahreswechsel Fahrt aufnehmen.

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