Wenig überraschend bremst die britische Wirtschaft zum Jahresauftakt scharf ab

Die britische Wirtschaft hat zu Beginn dieses Jahres kaum mehr als stagniert. Das Wirtschaftswachstum, das im vergangenen Jahr bereits deutliche Schwächen zeigte, lag im ersten Quartal nach einer ersten offiziellen Schätzung nur noch bei 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal – das ist der niedrigste Zuwachs seit fünf Jahren. Das jährliche Wachstum bremste auf 1,2 Prozent ab. Ende letzten Jahres hatte es noch 1,4 Prozent, zu Jahresbeginn sogar 2,1 Prozent betragen. Damit festigt Großbritannien seine Position als „Wachstumsschlusslicht“ innerhalb der G7-Staaten.

Der stärkste Bremseffekt ging im zurückliegenden Quartal von der Bauproduktion aus. Sie schrumpfte um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und damit so stark wie seit Anfang 2012 nicht mehr. Seit einem Jahr schon tendiert die Bauwirtschaft nach dem Boom der vorangegangenen Jahre zur Schwäche. Aber auch der wichtige Servicesektor erreichte mit +0,3 Prozent erneut nur ein unterdurchschnittliches Wachstum. Konsumnahe Dienstleistungen, wie der Einzelhandel, stagnierten, die Gastronomie verzeichnete zum wiederholten Male ein deutliches Minus. Das Verarbeitende Gewerbe schließlich verlor mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent ebenfalls deutlich an Schwung.

Die Wachstumsschwäche kam für uns wenig überraschend. Zum einen hat der für die britischen Inseln ungewöhnliche Wintereinbruch im Februar und März Einfluss auf das schwache Wachstumsergebnis gehabt – vor allem in der Bauwirtschaft und beim privaten Konsum. Insgesamt war der Beitrag nach Angaben des Office for National Statistics aber vergleichsweise gering. Vor allem aber dürften sich die belastenden Effekte durch den nahenden Brexit, die die britische Konjunktur schon seit einem Jahr zunehmend dämpfen, auch zu Beginn dieses Jahres bemerkbar gemacht haben: Der schwache Konsum, der unter der erhöhten Inflation leidet, wofür das schwache Pfund verantwortlich ist; die Bautätigkeit, die die nachlassende Nachfrage vor allem in der Londoner City zu spüren bekommt. Die Brexit-Sonderkonjunktur setzt sich fort.

Bislang hatte die gute Exportkonjunktur die Bremseffekte abgemildert. Dieses Polster verliert jedoch an Wirkung, wenn nun die Weltwirtschaft angesichts der gestiegenen Unsicherheit an Schwung verliert und das Wachstum der wichtigsten Handelspartner nachlässt. Die schwache Entwicklung in der Industrie mag da bereits ein Vorgeschmack sein. Wir gehen zwar davon aus, dass die britische Wirtschaft zumindest die witterungsbedingten Ausfälle im laufenden Quartal ausgleichen und wieder etwas an Tempo zulegen kann. Insgesamt dürfte das Wachstum im weiteren Jahresverlauf aber verhalten bleiben. Wir haben deshalb auch kürzlich unsere Wachstumsprognose für Großbritannien für dieses Jahr von ohnehin schon niedrigen 1,3 Prozent auf 1,0 Prozent gesenkt.

Auch für das kommende Jahr sind wir skeptisch. Gelingt es, noch in den laufenden Brexit-Verhandlungen ein klar definiertes Modell für die künftigen Handelsbeziehungen zu vereinbaren – beispielsweise der von uns als „Vernunftlösung“ favorisierte Verbleib in der Zollunion – dann könnte die britische Wirtschaft 2019 auf einen Erholungspfad einschwenken. Das politische London ist in dieser Frage jedoch tief gespalten, so dass die Wahrscheinlichkeit für dieses Lösungsmodell stark schwankt. Verständigen sich Brüssel und London jedoch darauf, im Frühjahr nächsten Jahres „nur“ mit Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zu beginnen, bleibt die Unsicherheit für die britische Wirtschaft lange Zeit hoch. Das Wirtschaftswachstum dürfte dann auch im kommenden Jahr nicht über ein Prozent hinauskommen.

 

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