EUR-USD fällt unter 1,20 USD

Seit Mitte April kennt der Euro scheinbar nur eine Richtung: Den Süden. Gegenüber dem US-Dollar hat die Gemeinschaftswährung seither 3,5% verloren und handelt auf den niedrigsten Niveaus seit Jahresbeginn – eine Entwicklung, die ohne Zweifel berechtigte Fragen über den mittel- und längerfristigen Ausblick für das Währungspaar aufwirft. Bevor die Euro-Bullen jedoch die Flinte ins Korn werfen, lohnt sich ein genauerer Blick auf das aktuelle Geschehen. Zunächst ist festzuhalten, dass die Abwertung des Euros (bislang) vornehmlich im Verhältnis zum US-Dollar zum Tragen kam. Auf handelsgewichteter Basis bewegt sich die Gemeinschaftswährung weder auf auffälligen Niveaus noch kann von dramatischen Kursverlusten die Rede sein. Anders sieht es dagegen beim US-Dollar aus, konnte dieser doch in den vergangenen Wochen auf breiter Basis zulegen und gegenüber allen anderen G10-Währungen punkten. Der EUR-USD-Kursrutsch seit Mitte April ist also nicht so sehr einer Euro-Abwertung, sondern vielmehr einer Dollar-Aufwertung geschuldet. Letztlich dürfte es der kräftige Anstieg der Renditen auf zehnjährige US-Staatsanleihen gewesen sein, der hierfür den Ausschlag gab. Während die Korrelation zwischen dem USD-Index und zehnjährigen Renditen in den letzten paar Monaten entweder sehr niedrig oder sogar negativ war, ist sie zuletzt stark gestiegen.

Der plötzliche Höhenflug des Dollars findet zugegebenermaßen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt statt. Das Gros der Investoren hatte sich bereits damit abgefunden, dass die Währung wenig Aufwertungs- und dafür umso mehr Abwertungspotenzial hat. Entsprechend passten sie ihre Marktpositionierung während der vergangenen Monate an. Die IMM-Daten bestätigen, dass spekulative USD-Short-Positionen kürzlich den höchsten Stand seit 2007 erreichten. Zweifelsohne hat die Dollaraufwertung die Erträge vieler dieser Positionen bereits in den roten Bereich abrutschen lassen. Damit hatte auch das Risiko einer drastischen Marktkorrektur infolge einer Anpassung der spekulativen Positionierung dramatisch zugenommen, die sich nun entfaltet – sehr deutlich im Kursverhältnis EUR-USD, aber dennoch auf breiter Front. Die entscheidende Frage ist nun, ob die Ereignisse der letzten Wochen die grundsätzlichen mittel- bis langfristigen Aussichten für EUR-USD ändern bzw. ändern könnten. Noch muss die Antwort „Nein“ lauten. Zwar hält die robuste Wachstumsentwicklung in den USA an und die Fed dürfte ihren Leitzins auch weiter anheben. All dies ist jedoch bereits vollständig eingepreist. Tatsächlich ist der Markt derzeit sogar, zumindest verglichen mit unserer Prognose, zu optimistisch, gehen wir doch von „nur“ zwei weiteren Zinserhöhungen in diesem Jahr aus, während der Markt bereits mehrheitlich drei Schritte erwartet. Auf Seiten der USA besteht somit weiterhin Enttäuschungsgefahr (ganz zu schweigen von der Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten). Was die Eurozone betrifft, ist die aktuelle Lage leider weniger eindeutig: die aktuelle Verschlechterung der Konjunkturindikatoren fällt, in Anbetracht des ohnehin schon angeschlagenen Euro-Sentiments, derzeit natürlich auf fruchtbaren Boden. Noch gehen wir aber davon aus, dass sich die Lage zur Mitte des Jahres hin erneut stabilisieren wird und damit auch den Weg zu einer ersten EZB-Zinserhöhung Mitte 2019 ebnet. Dies dürfte dem Euro auf mittelfristige Sicht neuen Aufschwung geben.

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