Chinas Festlandaktien vor Eintritt in ein neues Zeitalter

Ab Juni werden chinesische Festlandtitel der Börsen in Shanghai und Shenzen, die sogenannten „A-Aktien“, erstmalig in den Auswahlindizes des Indexanbieters MSCI berücksichtigt. A-Aktien sind generell nur für chinesische Festlandbürger handelbar und in Renminbi notiert. Ausländische institutionelle Investoren können seit 2002 nach Erhalt einer entsprechenden Lizenz ebenfalls handeln.
Am kommenden Montag gibt MSCI bekannt, welche A-Aktien zukünftig in den Indizes berücksichtigt werden. In einer Pressemitteilung wurde bislang nur bekanntgegeben, dass insgesamt 234 chinesische Aktien in die globalen und regionalen MSCI Indizes aufgenommen werden. Basierend auf den Indizes des New Yorker Indexanbieters MSCI werden weltweit laut Bloomberg-Angaben knapp zwei Billionen US-Dollar Anlegergeld betreut.

Die Erstgewichtung der A-Aktien erfolgt in zwei Schritten, die Aktien werden dabei mit einem deutlich niedrigeren Gewicht als dem aktuellen Marktwertadäquat aufgenommen. In der ersten Runde Anfang Juni werden lediglich 2,5% der Streubesitzkapitalisierung berücksichtigt, ab September wird der Beteiligungsfaktor auf fünf Prozent der Kapitalisierung erhöht. Angesichts dieser geringen Beteiligungswerte werden chinesische A-Aktien im Flaggschiff Index „MSCI Emerging Markets“ zunächst nur weniger als ein Prozent der Indexkapitalisierung ausmachen, so dass die Rolle chinesischer A-Aktien im Index vorerst unbedeutend bleibt. Allerdings wurde diese Vorgehensweise vom Indexanbieter bewusst gewählt, um im Vorfeld der Umstellungen ein „Front-Running“ auf chinesische Aktien zu unterbinden. Anleger und Fonds, die MSCI Indizes als Referenz für die eigene Renditeentwicklung heranziehen, werden nämlich in Zukunft gezwungen sein, auch chinesische A-Aktien zu kaufen.
MSCI wird nach eigenen Angaben in den nächsten Jahren den Beteiligungsfaktor chinesischer A-Aktien kontinuierlich nach oben schrauben, so dass sich nach einer gewissen Zeit die tatsächliche Bedeutung Chinas als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt auch an den Kapitalmärkten widerspiegeln wird. Wie schnell dies passieren wird, hängt jedoch auch davon ab wie schnell und nachhaltig China die heimischen Kapitalmärkte liberalisiert. Im Fall des koreanischen Aktienmarktes dauerte der Weg zu einem 100-prozentigen Einschlussfaktor den MSCI Emerging Market Index sieben Jahre (1991-1998). In Taiwan dauerte der Weg zur vollständigen Aufnahme in den MSCI EM Index knapp acht Jahre (1996-2004). Aus unserer Sicht ist es sehr wahrscheinlich, dass China hinsichtlich des Tempos der Liberalisierung und Öffnung der Aktienmärkte positiv überraschen wird. Die schiere Größe, die Vorteile zentraler Aufsichtsbehörden und der Wille, am internationalen Kapitalmarkt „dazuzugehören“ sprechen dafür, dass chinesische A-Aktien schneller als in Korea oder Taiwan vollständig angerechnet werden. China hat nach den Crashes am heimischen Aktienmarkt 2015 und 2016 dazu gelernt und Themen wie liquiden Futures-Märkten, Corporate Governance usw. mehr Aufmerksamkeit gewidmet.

Aus Anlegersicht ist es an der Zeit, dass die Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher Bedeutung Chinas, auch ausgedrückt in einer hohen Marktkapitalisierung von Aktien, auf der einen Seite und geringer Indexgewichtung auf der anderen Seite angegangen wird. Der chinesische Aktienmarkt ist mit einer Marktkapitalisierung von knapp acht Billionen US-Dollar schon lange zu groß, um weiterhin von Anlegern ignoriert zu werden. Langfristig hat der chinesische Aktienmarkt aus unserer Sicht das Potenzial, weiter zum US-Aktienmarkt aufzuschließen. Strukturell spricht neben dem hohen volkswirtschaftlichen Wachstum auch der zunehmende Wandel Chinas hin zur entwickelten Volkswirtschaft mit Fokus auf Konsum, Dienstleistungen und Technologien für chinesische Aktien. Die klassischen makroökonomischen Vorbehalte gegen China, insbesondere das Wachstum finanziert durch Schulden, sind davon auf Aktien-/Mikroebene zu differenzieren. Bereits heute nehmen Unternehmen wie Alibaba, Tencent oder Baidu (alle mit US-Börsenlistings) marktbeherrschende Stellungen in Asien ein und drängen auch zunehmend in westliche Märkte ein. Auch dürfte China in den kommenden Jahren verstärkt neue Industrie- und Technologiechampions aus Zukunftsbranchen wie Robotics, Fintechs oder Healthcare hervorbringen – eine Chance für Anleger.

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