Schweizer Vollgeldinitiative: Vorbild oder Schnapsidee?

In knapp zwei Wochen werden die Schweizer an die Urnen gerufen, um über die Vollgeldinitiative abzustimmen. Diese sieht eine tiefgreifende Reform des dortigen Geldsystems vor. Künftig soll die Geldmenge demnach allein von der Zentralbank geschaffen werden. Das Buchgeld der Geschäftsbanken, das den Löwenanteil der umlaufenden Geldmenge darstellt, würde abgeschafft. Nach Ansicht der Vollgeldbefürworter würde das Finanzsystem dadurch sicherer und stabiler. Darüber hinaus würden die Stellung der Zentralbank gegenüber den Geschäftsbanken gestärkt und der Handlungsspielraum der Währungshüter erweitert. Eine zweite zentrale Forderung der Initiative ist die „schuldfreie“ Ausgabe neugeschaffenen Geldes. Hierdurch entstünde ein Volksvermögen von (konservativ geschätzt) 300 Mrd. CHF, das verteilt über die nächsten 30 Jahre an den Staat und die Bürger ausbezahlt werden könnte.

Angesichts der genannten Vorzüge in Form einer Stärkung der Zentralbank und vieler Milliarden Franken für die Staatskasse darf es verwundern, dass sich sowohl die Schweizerische Nationalbank als auch die Bundesparteien klar gegen die Initiative positioniert haben. Ein zentrales Argument der Vollgeld-Skeptiker ist die Einschätzung, dass es keinen Grund gibt, das bestehende System tiefgreifend zu reformieren. Außerdem gebe es nicht nur bessere Wege, das Finanzsystem stabiler zu machen. Vielmehr würde die vorgesehene Umstellung den Bankensektor sogar tendenziell noch anfälliger für Finanzkrisen machen. Der Mangel an praktischen Erfahrungen macht das Vollgeldsystem laut Kritikern zu einem Wagnis mit potenziell unkalkulierbaren Folgen, ohne dass diesem Risiko nennenswerte Vorteile gegenüberstehen. Dies gilt auch für die in Aussicht gestellten 300 Mrd. CHF aus dem Nichts. Aus der schuldfreien Ausgabe von Zentralbankgeld resultiere kein neues Volksvermögen, sondern lediglich ein möglicher Vertrauensverlust gegenüber der Zentralbank.

Eine Annahme der Vollgeldinitiative würde das Geld- und Finanzsystem sowie die Geldpolitik in der Schweiz grundlegend verändern. Mehr Macht für die SNB, weniger Einfluss für die Geschäftsbanken wären die Folge, auch wenn sicherlich nicht mehrere hundert Milliarden Franken an Vermögen vom Himmel fallen werden. Fraglich ist, ob sich die von den Befürwortern vorgebrachten Vorteile im Nachhinein als zutreffend erweisen würden – insbesondere da Erfahrungswerte mit einem derartigen System fehlen. Dass mit einer Umstellung in einem derartigen Ausmaß Risiken einhergehen, dürfte hingegen unbestritten sein. Der Franken sollte daher in einer ersten Reaktion auf ein mögliches Ja zur Vollgeldinitiative merklich nachgeben.

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