Inflationsrate im Euro-Raum: Ölpreis, das schwarze Schaf

Die Inflationsrate im Euro-Raum macht einen überraschend kräftigen Satz nach oben. Die jährliche Rate hat sich innerhalb von nur einem Monat von +1,2 Prozent auf +1,9 Prozent beschleunigt. Damit liegt sie auf den ersten Blick auf der Zielgeraden nach EZB-Vorstellung, die eine Teuerung nahe aber unter 2 Prozent anstrebt. Die Preistreiber im Mai lassen sich im Wesentlichen auf zwei Komponenten eingrenzen: Ein Auslaufen des sogenannten Ostereffekts und auf einen markanten Anstieg des Ölpreises.

Da das Osterfest in diesem Jahr in den März rutschte, stiegen die Preise vor allem für tourismusnahe Dienstleistungen in dem Monat besonders kräftig an. Im April folgte dann ein entgegengesetzter Effekt und die Preise gaben im Vorjahresvergleich überdurchschnittlich stark nach. Diese Verwerfungen (Ostereffekt) sind im Mai nun weitestgehend ausgelaufen und haben den Preisdruck bei den Dienstleistungen wieder „normalisiert“. Daher wurde auch bei der Kernrate – also der Teuerungsrate ohne Energie-, Nahrungs- und Genussmitteln – ein sichtbarer Anstieg auf +1,1 Prozent vermeldet, nach +0,7 Prozent im Vormonat.

Zumindest ebenso prominent präsentierte sich der Anstieg der Energiepreise. Die jährliche Rate schoss von +2,6 auf kräftige +6,1 Prozent. Angesichts des stark gestiegenen Ölpreises von knapp 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat wurde mit einem merklichen Anstieg bei Kraftstoff- und anderen Energieträgerpreisen gerechnet.

Ob der EZB die Inflationsentwicklung so schmeckt? Schließlich wurde das Inflationsziel zumindest statistisch optimal getroffen. Allerdings zielt die EZB mit ihrer lockeren Geldpolitik eher auf eine anziehende konjunkturelle Entwicklung ab. Diese Entwicklung spiegelt sich am ehesten auch in der Kernrate wieder, die aktuell aber alles andere als Inflationssorgen aufkommen lässt.

Der gestiegene Ölpreis könnte der Kernrate den ohnehin seichten Wind nun aber aus den Segeln nehmen: Der Ölpreis entzieht den Haushalten ein Stück weit die Kaufkraft. Denn ein größerer Teil des verfügbaren Einkommens wird für Energiegüter ausgegeben, wodurch die Nachfrage nach anderen Gütern und Dienstleistungen sinkt. Bleibt der Ölpreis auf einem höheren Niveau, könnte dies die desinflationären Tendenzen etwas erhöhen und zugleich den Konjunkturmotor abschwächen. Ein denkbar schlechtes Szenario angesichts des ohnehin schon eingetrübten Wirtschaftsklimas der letzten Monate.

Der Ölpreis ist gegenwärtig durch zahlreiche geopolitische Konflikte aber auch etwas aufgeheizt. In der zweiten Jahreshälfte rechnen wir eher mit einem Abflauen dieser Risiken. Die Übertreibung des Ölpreises dürfte dadurch wieder etwas abnehmen. Damit sollte auch die aktuell energiegetriebene Inflationsrate im weiteren Jahresverlauf an Dynamik verlieren. Im Jahresdurchschnitt bleiben wir im Euro-Raum daher bei einer vergleichsweisen moderaten Inflationsentwicklung von rund 1 ½ Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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