EZB debattiert über Ende des Kaufprogramms – Überraschung?

In den letzten beiden Handelstagen zeigten sich offensichtlich einige Marktteilnehmer überrascht von den zunächst internen Quellen in der EZB, die davon sprachen, dass im Rahmen der kommenden Ratssitzung die Debatte über das Ende des Anleihekaufprogramms beginnen würde und sogar mögliche Entscheidungen anstünden. Garniert wurde das Ganze dann noch mit Kommentaren der EZB-Falken Knot und Weidmann, die ein Ende des Programms zum Jahresende für sinnvoll erachten – ein taktisches Manöver vor der Funkstille vor der Ratssitzung. Aber auch der EZB-Chefvolkswirt Praet blies in dasselbe Horn, in dem er die Inflationspfadkriterien der EZB (Konvergenz, Vertrauen, Belastbarkeit) insoweit als erfüllt ansieht, dass der Rat die Diskussion über ein Ende der Anleihekäufe beginnen müsste. Scheinbar waren einige Marktteilnehmer der Ansicht, dass die EZB aufgrund der jüngst deutlich gestiegenen Unsicherheit – ausgehend von Italien und dem Handelsstreit – zumindest zaudern, wenn nicht sogar vor einer Beendigung des Kaufprogramms zurückschrecken würde.

Sicherlich praktiziert die Europäische Zentralbank aufgrund der von ihr selbst herbeigeführten Abhängigkeit der Märkte vom Kaufprogramm eine Geldpolitik der homöopathischen Schritte Richtung traditionelle Leitzinspolitik. Dass sich die EZB aber im Juni und Juli mit der Zukunft des Kaufprogramms beschäftigen musste und würde, war eigentlich schon seit längerem klar. Rein organisatorisch gesehen musste vor der Sommerpause im August die Debatte jetzt beginnen, weil der Kalender danach für Diskussion und anschließende Kommunikation im September zu eng ist – schließlich läuft das derzeitige Programm im September aus. Darüber hinaus ist auch klar, dass die EZB aus dem Programm aussteigen muss, weil ihr schlicht und einfach das kaufbare Material ausgeht. Die selbstgesetzten Grenzen für Emittenten- und Anleihelimite sind beispielsweise für Finnland, die Niederlande, Irland, Spanien, Portugal und auch Deutschland schon fast erreicht, sodass das Programm wirkungsvoll nicht mehr lange fortgeführt werden kann. In Sachen Wirkung ist auch aufgrund der längst verschwundenen Deflationsrisiken eine moderatere Gangart in der expansiven Geldpolitik sinnvoll. Schauen wir auf die Entwicklung von Größen wie Inflationsterminsätze, Superkerninflation oder auch die Servicekomponente der jüngsten HICP-Zahlen für die Eurozone, so zeigt sich, dass diese trotz der Italien-Risiken und der zunehmenden Klarheit über ein Ende des Kaufprogramms nicht mit einem Einbruch reagiert haben, sondern ihren zugegeben sehr moderaten Anstiegspfad fortsetzten. Insofern hat Praet lediglich das Offensichtliche bestätigt. Bezüglich Italien dürfte sich die EZB derzeit auch demonstrativ wenig besorgt zeigen, sind doch die italienischen Staatsanleiherenditen weit von echten Krisenniveaus entfernt. Einem Land, das expansive Fiskalmaßnahmen im Regierungsprogramm anführt, wird und darf die EZB auch nicht verbal beispringen. Darüber hinaus hat auch der scheidende EZB-Vize Constancio zuletzt noch darauf hingewiesen, dass die OMT-Kriterien jederzeit auf der Webseite der Zentralbank zum Lesen abrufbar sind.

Dementsprechend zeigt sich die EZB derzeit selbstbewusst und verfolgt ihren eingeschlagenen Pfad der stückweisen Reduktion ultraexpansiver Maßnahmen weiter. Daher wird die Debatte im Juni – auf Basis gestiegener Projektionen – wohl eine erneute Anpassung der Forward Guidance ergeben, die die Konditionalität zwischen dem Fortgang der Anleihekäufe und der Inflationsentwicklung auflöst. Dies wäre dann als unmissverständliches Signal zu verstehen, dass die Währungshüter spätestens zur Juli-Ratssitzung eine endgültige Entscheidung zur Zukunft der Anleihekäufe kommunizieren – so wie es auch bei den letzten Anpassungen des Kaufprogramms der Fall war. Damit hat der EZB-Rat auch noch einige Zeit, die Entwicklung des Datenumfelds vor dem Hintergrund der aktuellen Unsicherheiten zu beobachten. Mit der Beendigung des Kaufprogramms zum Jahresende wird dann der Fokus der Kommunikation immer mehr auf die Reinvestitionen der Bilanzpositionen und die Leitzinspolitik rücken. Dabei wird die EZB weiter vorsichtig bleiben und lediglich reagieren und dabei dem doppelten Dreiklang Konvergenz – Vertrauen – Belastbarkeit sowie Geduld – Beharrlichkeit – Besonnenheit folgen.

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