Der Druck im Rohöl-Kessel steigt – Prognose angehoben

Trotz großer Spannungen im Vorfeld konnte sich die OPEC-NOPEC-Kürzungskoalition („OPEC+“) Ende Juni darauf verständigen, ihre kumulierte Fördermenge – aufgrund der angespannten globalen Versorgungslage – zu erhöhen. Ermöglicht wurde die Einigung durch die Formulierung einer bewusst vage gehaltenen Abschlusserklärung, die es praktisch jedem Sitzungsteilnehmer erlaubte, sich zum diplomatischen Gewinner des OPECs auszurufen.

Im Atom-Poker mit dem Iran hat sich US-Präsident Donald Trump zwar persönlich bisher noch nicht endgültig festgelegt, mit welcher Rigorosität – und gegebenenfalls mit welchem Zeitplan – er Teherans Rohöl-Exporte aus dem Markt drängen will. Stattdessen hat er vom US-Außenministerium kürzlich eine aggressive „Null-Toleranz-Duftmarke“ (Kurzfristiges Total-Embargo, keine Sekundärsanktions-Sonderregelungen für Irans Kunden) setzen lassen. Obwohl diese Position nachfolgend durch andere Stimmen etwas abgemildert wurde, dürfte die unerwartet scharfe US-Drohgebärde dazu führen, dass sich Irans Rohöl-Kunden mit ihren Einfuhren stärker als zuvor geplant zurückhalten werden.

Je erfolgreicher die USA beim kurzfristigen Ausbremsen der iranischen Exporte sind, desto stärker ist – speziell im aktuellen Umfeld mit mehreren angebotsseitigen „Problemlagen“ (z.B. Libyen, Venezuela) – der Aufwärtsdruck auf den Rohöl- und den US-Benzinpreis. Letzteren möchte der US-Präsident im Vorfeld der Zwischenwahlen aber unbedingt im Zaun halten. Verkomplizierend kommt hinzu, dass die steigenden Rohölpreise auch den Druck auf die Notenbanken verstärken könnten, ihre Leitzinsen stärker anzuheben, als es der – schon unter den ausufernden Handelsstreitigkeiten leidenden – Weltkonjunktur guttun könnte. Diesen selbst geschaffenen Zielkonflikt könnten die USA durch ein cleveres Timing ihrer Sanktionspolitik umgehen. Denn eigentlich haben die USA überhaupt keinen zeitlichen Druck, den Iran ausgerechnet im aktuell etwas „angebotsangespannten“ Zeitfenster derart scharf anzugehen. Aus rein taktischer Sicht wäre es für die USA zielführender, den Druck im iranischen Kessel erst im Laufe des 2. Halbjahres 2019 zu erhöhen, wenn die Infrastrukturprobleme im texanischen Permian-Becken – und damit die temporären Wachstumsbremsen der US-Rohölproduktion – gelöst sind. Mit einer im Höchsttempo wachsenden US-Rohölproduktion im Rück

n, wäre die Drohkulisse gegenüber Teheran deutlich imposanter und würde sich der vorgenannte Zielkonflikt deutlich entschärfen.
Fazit: Ein temporärer Förderausfall in Kanada, mutmaßlich länger anhaltende Produktionseinbußen in Libyen und der – zu geringeren Exporten führende – erhöhte US-Sanktionsdruck auf den Iran (und seine Rohöl-Kunden) haben zu einer weiteren Anspannung der Versorgungslage auf dem Rohölmarkt geführt. Die OPEC+ kann und wird die benötigten Rohölmengen zwar bereitstellen, muss dazu aber sehr tief zu den Reservekapazitäten greifen. Aufgrund der neuesten Entwicklungen passen wir unsere Rohölpreisprognose insbesondere für die kommenden vier Quartale spürbar nach oben – auf 75 USD je Barrel – an. Um die US-Benzinpreise im Vorfeld der Zwischenwahlen vor einem weiteren Anstieg zu bewahren, wird sich US-Präsident Trump zudem in Bälde entscheiden müssen, ob er den iranischen Rohölkunden eventuell doch mit Ausnahmegenehmigungen entgegenkommt oder wahlweise auf den Ultima-Ratio-Einsatz der strategischen Rohöllagerbestände der USA zurückgreift.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 4.64

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *