Britische Wirtschaft trotzt dem Brexit – noch…

Nein, schwungvoll entwickelt sich die britische Wirtschaft momentan sicherlich nicht. Hält man sich aber vor Augen, dass Großbritannien in nur noch sieben Monaten aus der EU austreten wird und immer noch keine Verhandlungslösung mit Brüssel absehbar ist, ist das moderate Wirtschaftswachstum des Landes durchaus beachtlich. Im zweiten Quartal hat das Wachstum gegenüber dem Vorquartal sogar noch etwas an Tempo zulegen können. Um 0,4 Prozent ist die Wirtschaft während der Frühjahrsmonate gewachsen – zum Jahresauftakt wurden nur 0,2 Prozent erreicht. Damit hat Großbritannien zuletzt sogar wieder die EWU in puncto Wachstum leicht überholt.

Der Blick auf die Nachfragedetails vom vergangenen Quartal ist allerdings weniger vielversprechend. Der private Konsum, der die Konjunktur im vergangenen Jahr maßgeblich gebremst hat, blieb auch zuletzt verhalten, obwohl die Einzelhandelsumsätze dank der wieder etwas moderateren Inflation in den letzten Monaten deutlich zugelegt hatten. Die Investitionstätigkeit ist zwar ins Plus zurückgekehrt, wobei vor allem die Bauproduktion kräftig expandierte. Sie konnte jedoch entscheidend vom – auch auf den britischen Inseln – günstigen Sommerwetter profitieren. Eine nachhaltige Kehrtwende der Baukonjunktur ist dies nicht.

Der Außenhandel schließlich hat rund ¾ Prozentpunkte Wirtschaftswachstum gekostet. Die Exporte sind um gut 3 ½ Prozent eingebrochen – so kräftig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die Importe waren dagegen nur leicht im Minus. Vor allem die britischen Autoproduzenten haben zuletzt deutlich weniger im Ausland absetzen können. Das verarbeitende Gewerbe verbuchte denn auch den höchsten vierteljährlichen Rückgang seit Ende 2012. Ausgeglichen wurde der Absatzrückgang durch einen hohen Lageraufbau. Zum ersten Mal seit einem Jahr haben die britischen Unternehmen ihre Vorräte wieder aufgestockt.

Die britische Wirtschaft zeigt sich gegenüber den hausgemachten Unsicherheiten, aber auch dem eingetrübten internationalen Konjunkturumfeld immer noch reichlich widerstandsfähig. Gleichwohl ist sie angeschlagen. Der drohende Brexit hat jetzt schon etwa 1 Prozent Wirtschaftswachstum „gekostet“ – bei einem Wachstum von im Schnitt 1,2 Prozent in den letzten drei Quartalen ist das fast eine Halbierung des Expansionstempos. Das auf den ersten Blick recht gute Wachstumsergebnis vom zweiten Quartal lässt sich auch nicht als Kehrtwende schönreden. Viel wahrscheinlicher ist, dass die britische Wirtschaft in der laufenden zweiten Jahreshälfte wieder stärker an Schwung verliert, zumal das Risiko eines „No deal“-Brexits täglich steigt.

 

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