Türkei: Lira-Krise strahlt aus

Die Krise der Türkischen Lira nimmt kein Ende – im Gegenteil! Über 11% verlor die Landeswährung heute Morgen binnen weniger Minuten gegenüber dem US-Dollar. Dass sich hieraus neue Rekordtiefs der Lira gegenüber Euro und US-Dollar ergaben, versteht sich nach den Kursverlusten der vergangenen Wochen schon beinahe von selbst. Die Ursachen der Krise sind bekannt. Eine Zentralbank, die trotz einer ausufernden Inflationsrate nicht aktiv wird und deren Unabhängigkeit mehr als fraglich ist, sowie ein türkischer Präsident, der zweifelhafte ökonomische Thesen vertritt, vor ausländischen Verschwörern warnt und außenpolitisch auf Konfrontationskurs mit den USA geht. Der gestrige Versuch der Regierung in Person des Finanzministersund Schwiegersohns Erdogans, der Krise entgegenzuwirken, indem die Wachstumserwartungen in den Budgetplanungen nach unten revidiert wurden, schlug – wenig überraschend – fehl.

Die Auswirkungen des Lira-Verfalls bleiben mittlerweile nicht mehr auf die Landeswährung der Türkei begrenzt, sondern strahlen auf andere Währungen aus. Dies gilt vor allem für den Südafrikanischen Rand. Dieser verlor in den letzten beiden Tagen mehr als 4% gegenüber dem Greenback, ohne dass hierfür ausschlaggebende Entwicklungen vom Kap verantwortlich gemacht werden könnten. Heute Morgen geriet dann auch die europäische Gemeinschaftswährung in den Sog der Lira-Krise. Zuvor hatten Meldungen, wonach die europäische Bankenaufsicht einen genaueren Blick auf das Türkei-Exposure einzelner Institute wirft, Sorgen vor Ansteckungseffekten auf das hiesige Bankensystem geschürt.

Schwieriger Mix für Schwellenländerwährungen
Nun dürften die am Devisenmarkt aufkeimenden Befürchtungen gegenüber europäischen Banken und damit auch dem Euro zwar sicherlich überzogen sein, hierfür sprechen beispielsweise die geringen Ausschläge bei den für das Sentiment gegenüber Finanzinstituten aussagekräftigen Indizes. Es ist jedoch nicht nur die Krise in der Türkei, die der Stimmung an den Devisenmärkten aktuell zusetzt. Die restriktivere Ausrichtung der US-Zentralbank, ein drohender Handelskrieg zwischen den beiden weltweit größten Volkswirtschaften und ein US-Präsident, der Gefallen an Sanktionen und Zöllen gefunden zu haben scheint – das ist der Mix, der das Sentiment insbesondere gegenüber Schwellenländerwährungen zusehends belastet. Sichere Häfen wie der Japanische Yen und der Franken sind an den Devisenmärkten hingegen gefragt wie lange nicht.

Bislang stehen die Chancen, dass der Verfall der Lira nicht in eine Krise des gesamten Segments der Schwellenländerwährungen mündet, insgesamt gut. Weder gehen wir von einer Eskalation der globalen Handelsstreitigkeiten in Form eines waschechten Handels- oder Währungskrieges aus noch zeichnet sich ein markanter Einbruch des weltweiten Wirtschaftswachstums ab. Die Schwellenländerwährungen Osteuropas, Tschechien, Ungarn und Polen, sind zudem wirtschaftlich sehr robust aufgestellt.

Dies bedeutet keineswegs, dass die Lira glimpflich aus der aktuellen Schwäche herauskommen muss. Am frühen Nachmittag treten sowohl der türkische Präsident Erdogan als auch Finanzminister Albayrak an die Mikrophone. Es dürfte interessant werden, ob und inwieweit beide auf die Entwicklung an den Finanzmärkten eingehen werden. Mit einem Sinneswandel ist derzeit jedenfalls nicht zu rechnen. Vielmehr ist zu befürchten, dass vor allem das Staatsoberhaupt weiterhin von Verschwörungen ausländischer Mächte sprechen und Durchhalteparolen von sich geben wird. Ein Ende der Lira-Krise würde sich vor diesem Hintergrund sicherlich nicht abzeichnen. Hierfür bedarf es einer glaubwürdigen, unabhängigen Zentralbank und einer deutlich restriktiveren Geldpolitik. Ohne solche Schritte dürfte auch das Thema Zahlungsausfall früher oder später intensiv diskutiert werden.

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