Türkei-Risiken beherrschbar für europäische Banken

Der massive Verfall der türkischen Lira – die Währung hat gegenüber dem US-Dollar seit Anfang April mittlerweile über 70% an Wert verloren -, der sich insbesondere in der vergangenen Woche noch einmal beschleunigt hat, hat die wirtschaftlichen Probleme der Türkei in den Vordergrund und das Bewusstsein der Marktakteure gerückt. Wenig überraschend sind in diesem Umfeld insbesondere die Aktien und Anleihen türkischer Banken unter Druck geraten, doch viele Marktbeobachter sprechen von einem Pulverfass und fürchten mögliche Ansteckungseffekte auf andere Entwicklungsländer und andere Bankensysteme.

Und so gerieten auch einige europäische Banken immer stärker in den Blick der Marktteilnehmer – spätestens, nachdem die Financial Times (FT) am Freitag in einem Artikel schrieb, dass sich die EZB-Bankenaufsicht mit Blick auf den Verfall der türkischen Währung zunehmend um Institute mit starkem Engagement in dem Land sorge. Vor allem die Großbanken BBVA, BNP Paribas und UniCredit stünden, so die Zeitung weiter, unter besonderer Beobachtung, die Lage sei aber „noch nicht kritisch“. Die EZB selbst äußerte sich nicht zu dem Bericht. In der Folge kam es bei den Aktien der genannten Institute zu massiven Kurseinbrüchen. Die Risikoprämien ihrer Anleihen haben dagegen weniger heftig reagiert, die Papiere zählten in der vergangenen Woche aber dennoch zu denen mit der schlechtesten Spread-Performance des iBoxx Banks Universums.

Was sind die Risiken für die Banken? Zum einen dürften die Kreditausfälle vor allem bei Kreditnehmern, die sich in Fremdwährungen verschuldet haben und diese nach dem Wertverfall der türkischen Lira nicht mehr bedienen können, zunehmen. So geht beispielsweise die Ratingagentur Moody’s davon aus, dass der Anteil von Problemkrediten in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren deutlich ansteigen wird. Die schlechtere Kreditqualität wird die bislang kräftigen Gewinne der türkischen Banken durch höhere Risikokosten belasten. Darüber hinaus verlieren die Beteiligungen an türkischen Tochterbanken an Wert und müssen korrigiert werden, sofern die Beteiligungsbuchwerte nicht gehedgt wurden. Auch die Gewinnbeiträge der Töchter oder Beteiligungen, die in türkischer Lira erwirtschaftet werden, könnten bei den Mutterbanken geringer ausfallen. Sollte es zu Solvenzproblemen kommen, könnten zudem interne Kredite an die ausländische Tochterbank gefährdet sein beziehungsweise die Notwendigkeit bestehen, neues Eigenkapital zuzuschießen.

Welche europäischen Banken könnten davon betroffen sein? Das größte Exposure gegenüber der Türkei weisen tatsächlich die im zuvor erwähnten Zeitungsartikel genannten Institute auf, allen voran die spanische BBVA, die dort über ihre Tochterbank Garanti, immerhin die drittgrößte Bank des Landes, aktiv ist. Für BBVA ist die Türkei nach Mexiko zum zweitwichtigsten Auslandsmarkt avanciert und Garanti steuerte im ersten Halbjahr 2018 rund 14% zum Konzernergebnis der spanischen Großbank bei. Während ein Wegfall des Ergebnisbeitrags aus der Türkei und eine potenzielle vollständige Firmenwertabschreibung der Tochterbank für BBVA verkraftbar wären, ohne dass die Bank einen Verlust ausweisen müsste, und während auch negative Effekte auf die Kapitalisierung der Bank durch Absicherungsmaßnahmen abgefedert werden, sind die langfristigen Folgen, sollte sich die Türkei-Krise über Jahre hinziehen, schwieriger einzuschätzen, da sich hier Verlustbeiträge, mögliche Rekapitalisierungsmaßnahmen und ein letztendlicher Notverkauf zu einer höheren Gesamtbelastung addieren könnten.

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