Türkei-Krise erreicht Rom

Die hausgemachte Krise der Türkei hat auf den ersten Blick wenig mit Italien zu tun. Nichtsdestotrotz hat ausgerechnet der Absturz der Lira auch den italienischen Staatsanleihen deutlich zugesetzt. Seit Mitte Juli weiteten sich Risikoaufschläge italienischer Schuldtitel gegenüber Bundesanleihen zunächst aus Sorge vor einer Zunahme der Neuverschuldung Italiens sowie einer möglichen Eskalation im Streit mit der EU-Kommission bereits aus. Die jüngste Zunahme der Risikoprämien geht allerdings primär auf die verschärfte Krise in der Türkei zurück. Erst heute Morgen erholten sich erstmals seit Tagen die Kurse italienischer Staatstitel wieder, als auch die türkische Lira ebenfalls leichte Gewinne verzeichnen konnte.

Wenngleich der ökonomische Vordenker der Lega, Borghi, Pressemeldungen zufolge jedwede Ausstrahlungseffekte der Türkei-Krise in Richtung Italien für unlogisch erachtet, dürften zwei wesentliche Gründe die Bewegung erklären: Zum einen steigt die Sorge, dass eine Pleitewelle in der Türkei auch europäischen Banken schaden könnte. Nach spanischen und französischen sind italienische Banken die am stärksten in der Türkei engagierten Geldgeber. Die Forderungen italienischer Banken in der Türkei belaufen sich nach Angaben der BIZ auf rund 18,5 Mrd. US-Dollar, knapp 1% der italienischen Wirtschaftsleistung. Das Forderungsvolumen ist damit zwar nicht besonders hoch, italienische Banken haben aber ohnehin schon mit den Folgen der politischen Unsicherheit sowie der mäßigen wirtschaftlichen Lage im Heimatland zu kämpfen. Zum anderen gewichten Anleger politische Risiken im Allgemeinen nun deutlich stärker und haben Befürchtungen, dass wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen in Rom das Land ebenfalls in Schieflage bringen könnten.

Zwar nimmt die italienische Regierung die Marktreaktion wahr, die einzelnen Kabinettsmitglieder ziehen aber höchst unterschiedliche Schlussfolgerungen. Während Regierungschef Conte heute erklärte, Italien müsse seine öffentliche Gesamtverschuldung abbauen, forderte Borghi, es sei Aufgabe der EZB, EWU-Staatsanleihen vor Spekulationen zu schützen. Der Vorsitzende des Finanzausschusses im Abgeordnetenhaus verlangte ferner, den Risikoaufschlag von EWU-Staatsanleihen gegenüber Anleihen anderer Mitgliedsländer auf 150 Basispunkte zu beschränken.
Obschon die Türkei-Krise aktuell die Schlagzeilen dominiert, steigt unter Anlegern allmählich bereits die Nervosität, welche der Kräfte in Rom sich in den Haushaltsverhandlungen im September durchsetzen können. Während Premier Conte und Finanzminister Tria ein gewisses Vertrauen am Markt genießen, ist die Sorge vor den Hardlinern aus den Reihen der Lega und der Fünf- Sterne-Bewegung umso größer. Setzen sich die Moderaten durch und nur kleinere Teile des Regierungsplanes werden umgesetzt, besteht eine Chance auf eine Beruhigung am Markt, behält hingegen das radikalere Lager um Salvini, Di Maio, Borghi und EU-Minister Savona die Oberhand, droht die Unsicherheit sogar die aus dem Frühjahr zu übersteigen und erneut auch auf den Rest der Eurozone auszustrahlen.

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