Geldmarktreform setzt auf Sicherheit statt Laufzeitprämie

Die Zeit drängt – das ist die einhellige Meinung der Arbeitsgruppe für einen risikofreien Referenzzins in der Eurozone. Nur noch bis Ende 2019 darf der aktuelle Übernacht-Referenzzins in der Eurozone, Eonia (Euro OvernIight Index Average), in Neugeschäften verwendet werden, danach allenfalls in Altverträgen. Als heißester Kandidat für die Nachfolge gilt ESTER (Euro Short-TErm Rate) von der EZB, auch wenn die Entscheidung hierzu noch aussteht. Allerdings notiert ESTER im Schnitt neun Basispunkte tiefer als Eonia, was eine Umstellung heikel macht. Während ein Zinsaufschlag auf ESTER, der zum Beispiel über die Zeit abschmilzt, den Wechsel des Referenzzinses erleichtern könnte, spricht die konzeptionelle Einfachheit als auch der knappe Zeitrahmen für einen sauberen Schnitt.

Anders als Eonia könnte der Euribor (Euro InterBank Offered Rate) zwar als Benchmark über das 2019 hinaus weiterexistieren, sein langfristiges Überleben ist damit aber nicht gesichert – zu sehr dürfte die geplante, neue hybride Fixingkaskade aus 1) Transaktionen, 2) Entwicklungen in verwandten Märkte und 3) Expertenschätzungen auf der letzten Fixingstufe (Expertenschätzung) basieren und somit langfristig nicht die gültigen Anforderungen an Finanzmarkt-Benchmark-Indizes erfüllen. In letzter Konsequenz dürfte der Euribor daher das bereits beschlossene Schicksal des Libor (London Interbank Offered Rate) teilen und im kommenden Jahrzehnt von der Bildfläche verschwinden. Dies hätte weitreichende Folgen über den Bankensektor hinaus. Libor, Euribor und Co. kamen in der Vergangenheit nicht nur im Handel zwischen Banken zum Einsatz, sondern auch bei Anleihen und Krediten sowie im Risikocontrolling oder Rechnungswesen von Unternehmen. Um den Übergang in die neue Referenzzinswelt auch diesen Anwendern von Euribor- und Libor-Zinsen zu erleichtern, wären mittelfristig Terminzinsen auf Basis des neuen Referenzzinses (wahrscheinlich ESTER) nützlich. Jene Geldmärkte, die vom absehbaren Ende des Libor nach 2021 früher oder später betroffen sein werden, haben bereits mit der Ausarbeitung derivativer Geldmarktkurven auf Basis von Übernachtzinsen begonnen.

Derivative OIS-(Overnight-Index-Swaps-) oder Futures-Märkte sind bei ausreichenden Grundumsätzen wohl die beste Basis für Benchmark-konforme Terminzinsen. Eine vergangenheitsbezogene (backward looking) Fixing-Variante wiederum könnte als deren Ersatz-Methode dienen, falls die derivativen Terminzins-Fixings aufgrund zu geringer Umsätze ausfallen. Diese Regelung würde dann auch für bestehende Libor-Verträge gelten, die über 2021 hinausgehen. Am Ende dieses Geldmarktreformprozesses wird somit das Antlitz der Geldmärkte weltweit verändert haben (mit Ausnahme Australiens vielleicht), wenn statt einer Laufzeitprämie die Risikofreiheit und Robustheit der neuen Referenzzinsen im Vordergrund stehen.

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2 Kommentare

Klaus Martin

Wissenswert wäre um die Hintergründe weshalb der Eonia bzw. Euribor keinen weiteren Bestand haben soll.

Ayse Rüzgar

Sowohl Eonia als auch Euribor sind Meldesätze, zu denen die am jeweiligen Panel teilnehmenden Banken bereit wären, sich Geld zu leihen. Neue regulatorische Anforderungen, die als Reaktion auf die Finanzkrise und den Libor-Manipulationsskandal erlassen wurden, verlangen aber von Referenzzinsen, soweit wie möglich auf tatsächlichen Transaktionen zu basieren. Die Umstellung des Euribors auf ein rein transaktionsbasiertes Verfahren, der Euribor+, war an zu geringen Umsätzen im unbesicherten EUR-Terminzinsmarkt im Mai 2017 gescheitert, während das Überleben des Eonia nur eine konzeptionelle Umstellung von einer „lending rate“ zu einer „borrowing rate“ gesichert hätte. Da aber im September 2017 die EZB beschloss, einen eigenen Overnight-Zins zu erschaffen, entschied sich das European Money Market Institute, der Betreiber des Eonia, seine Versuche zur Reform des Eonia im Frühjahr 2018 einzustellen – Eonia ist somit nicht konform mit der EU Benchmark Regulierung und seine Verwendung in Neugeschäften ab 2020 untersagt. Die Zukunft des Euribor ist vorerst noch unsicher: die zuständige belgische Finanzaufsicht (FSMA) kann dem Euribor, sobald er auf das geplante, hybride Fixingsystem umgestellt ist, eine zeitliche begrenzte Zulassung als kritischen Benchmark erteilen. Angesichts der aber grundsätzlich zu geringen Umsätze im unbesicherten EUR-Terminzinsmarkt dürfte sich dieses Verfahren nur als Übergangslösung eignen.

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