Türkei: Rezession folgt der Abwertung

Die Kapitalflucht aus der türkischen Lira, die Mitte August einen vorläufigen Höhepunkt fand, hat dramatisch klargemacht, wie es um die wirklichen Umstände der türkischen Wirtschaft bestellt ist. Das „Wachstumsmodell“ Präsident Erdogans, mit expansiver Fiskalpolitik, öffentlichen Großbauprojekten, Zinssubventionen für die private Wirtschaft und anderen Maßnahmen die Binnennachfrage aufzublähen, hat die Wirtschaft des Landes nun überfordert. Die hohen Wachstumsraten der letzten zwei Jahre lagen deutlich über der Potenzialrate und waren nicht nachhaltig. Der künstliche Boom hat die Abhängigkeit der Türkei von ausländischen Nettokapitalzuflüssen aufgezeigt.

Es ist nun eine Politik notwendig, die zu einer klaren Reduzierung des Leistungsbilanzdefizits führt. Hierzu muss sich Erdogan zu einer restriktiven Fiskalpolitik durchringen und vor allem der Notenbank endlich klar erlauben, eine unabhängige Geld- und Zinspolitik zu betreiben. Letztlich muss sie deutliche Zinsanhebungen vornehmen, um die Inflation einzudämmen und das Vertrauen ausländischer Investoren, die das Land weiter dringend braucht, wieder zurückzugewinnen. Nur dann wird sich der Währungssturm nicht nur temporär, sondern nachhaltig beruhigen können. Einstweilen muss aber der wechselkursinduzierte Inflationsschub, der aus der jüngsten Krise folgt, von der Wirtschaft verdaut werden.

Die Konsumenten werden sich in der aktuellen Situation, die durch zweistellige Inflationsraten und damit deutliche Realeinkommenseinbußen geprägt ist, einstweilen wohl stark zurückhalten. Gleichzeitig wird sich die Tilgung der hohen Auslandskredite in der privaten Wirtschaft wegen der Lira-Abwertung deutlich verteuern, was viele Unternehmen vor Probleme stellen und deren Investitionen dämpfen wird. Vor diesem Hintergrund halten wir eine rezessive Konjunkturtendenz für wahrscheinlich, die sich im zweiten Halbjahr zeigen sollte und die bis weit in das nächste Jahr hinein andauern dürfte. Aufgrund des guten Wachstums im ersten Halbjahr 2018 dürfte das Gesamtjahreswachstum im laufenden Jahr noch rund 3 Prozent erreichen. Für 2019 sehen wir aber nur noch ein jahresdurchschnittliches Wirtschaftswachstum „um die Null-Linie“.

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