Die Brexit-Verhandlungen stehen vor einem „heißen Herbst“

Auf den heutigen Tag in genau sieben Monaten wird Großbritannien die Europäische Union (EU) verlassen. Ob es Brüssel und London bis dahin rechtzeitig gelingt, sich auf einen Austrittsvertrag zu einigen, ist aber weiterhin unsicher. Dabei herrscht über wesentliche Aspekte des Brexits bereits Einigkeit – die Abschlusszahlung der Briten, die Bürgerrechte, die Übergangsphase. Wie aber eine „harte“ Grenze auf der irischen Insel verhindert werden kann, ist zwischen den Verhandlungspartnern höchst strittig. Das Problem kann kaum unabhängig von der Frage über die künftigen Handelsbeziehungen gelöst werden, und da gehen die Vorstellungen auf beiden Seiten weit auseinander.

Gibt es keine Lösung für die innerirische Grenze, gibt es keinen Austrittsvertrag und damit auch keine Übergangsphase. Das Risiko für den sogenannten „No deal“-Brexit, einen ungeordneten und chaotischen Ausstieg der Briten im kommenden Frühjahr, ist hoch und es steigt von Tag zu Tag. Inzwischen liegt es aus unserer Sicht nur noch knapp unter 50 Prozent. Wir glauben aber, dass die Chancen für eine Einigung zwischen Brüssel und London noch größer sind als dieses Risiko, denn kaum jemand hat Interesse an einem „No deal“-Brexit. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es auf eine „Last-Minute-Entscheidung“ auf dem EU-Gipfel Mitte Dezember hinauslaufen wird.

Die größten Risiken gehen aus unserer Sicht von der innenpolitischen Lage in Großbritannien aus, die weiterhin äußerst verzwickt ist. Ob sich die Premierministerin im Amt halten kann, ist nach wie vor fraglich. Der Parteitag der Konservativen Ende September wird hier entscheidend sein – vorher wird Theresa May der EU kaum wesentliche Zugeständnisse machen können, das hat sie gestern mit ihrer lapidaren Aussage, ein „No deal“-Brexit wäre kein Weltuntergang, eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Gibt es eine Einigung in Brüssel, muss sie noch die parlamentarischen Hürden vor allem in Großbritannien überwinden – auch dies ist alles andere als ein Selbstläufer.

Eine glimpfliche Lösung für den Brexit steht inzwischen „auf Messers Schneide“. Die kommenden Wochen werden daher von einer erheblichen Unsicherheit geprägt sein. Es steht ein „heißer Herbst“ bevor. Das Britische Pfund dürfte gegenüber dem Euro unter Druck bleiben, das Wirtschaftswachstum weiter abbremsen. Dies haben wir bereits seit geraumer Zeit in unseren Prognosen berücksichtigt. Wir behalten sie deshalb unverändert.

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