Rohölpreise von über 100 USD sind möglich, … aber sehr unwahrscheinlich

Der Brent-Rohölpreis ist in den vergangenen Wochen vor dem Hintergrund der immer näher rückenden US-Energiesanktionen gegen den Iran beständig angestiegen. Im Rahmen dieses jüngsten Versorgungsangst getriebenen Aufwärtsimpulses kletterte der Preis für einen Barrel „Nordsee-Rohöl“ Anfang Oktober sogar erstmals seit 2014 wieder über die Marke von 86 USD. Neuerliche saudische Zusicherungen etwaige Iran-Ausfälle kompensieren zu können, der Mitte Oktober publizierte „Weltkonjunktur-Mahnbescheid“ des Internationalen Währungsfonds sowie die unlängst reduzierten Nachfragewachstumsschätzungen von DOE, IEA und OPEC sorgten zuletzt aber wieder für eine spürbare Preisberuhigung in den Bereich von 81 USD.
Angesichts der wieder normalisierten OECD-Lagerbestände, der strukturellen Output-Verluste in Venezuela, der volatilen Produktionsentwicklungen in Libyen und Nigeria sowie der produktionswachstumshemmenden Infrastrukturprobleme im Permian-Becken mehren sich die Stimmen, die die Fähigkeit der OPEC+ zur vollumfänglichen Kompensation der sanktionsbedingten Produktionsverluste im Iran anzweifeln und den Rohölmarkt in den kommenden Monaten in ein veritables Angebotsdefizit abrutschen sehen. Vor diesem Hintergrund sind die OPEC+-Reservekapazitäten und die geschätzen Export-Ausfälle des Iran zu den Schlüssel-Preiskatalysatoren avanciert.

Für beide Schlüsselgrößen muss dabei eingeräumt werden, dass hinsichtlich ihrer Dimensionierung ein Höchstmaß an quantitativer Unsicherheit besteht. In gewisser Weise handelt es sich bei beiden Rohöl-Kernvariablen um waschechte „Glaubensfragen“: Die Schätzungen für die OPEC+-Reserve liegen, je nachdem (a) welche „Reservekomponenten“ miteinbezogen und (b) welche zeitlichen Dimensionen betrachtet werden, irgendwo zwischen 1,2 und 3,4 Mio. Barrel pro Tag (mbd). So wenig „griffig“ sich die Schätzungen der OPEC+-Reservekapazität präsentieren, so „interpretierbar“ sind auch die Projektionen für die iranischen Exportausfälle im Zuge der US-amerikanischen Sanktionskampagne. Pessimistische Marktstimmen rechnen mittlerweile mit Exporteinbußen von 1,50-2,00 mbd, während optimistischere Marktteilnehmer von 0,80-1,00 mbd ausgehen.

Wie anhand der beiden vorgenannten Zahlenkorridore unschwer zu erkennen ist, liegt der Schlüssel zur kurz- und mittelfristigen Rohölpreisbestimmung in der dynamischen Entwicklung beider Größen. Würden die iranischen Exporte tatsächlich in kürzester Zeit „auf null“ fallen und bräuchte die OPEC+-Reserve ein paar Monate um entsprechende „Kompensationsvolumina“ auf den Markt zu bringen, könnte sich tatsächlich eine Situation ergeben, wo für geraume Zeit (viel) zu wenig Rohöl auf dem Markt ist. In einem solchen Szenario könnte der Rohölpreis tatsächlich bis auf (oder im Extremfall sogar über) 100 USD anziehen, um die Nachfrage zur Wiederherstellung einer Angebots-Nachfrage-Balance entsprechend herunterzuregeln. Ist dieser „Hochpreis-Fall“ möglich? Ja! Ist er wahrscheinlich? Nein!
Auf Basis einer umfangreichen „Reservekapazitäts-Meta-Analyse“ gehen wir in unserem Basisszenario davon aus, dass die OPEC+ über kurzfristig einsetzbare Reservekapazitäten von 1,2 mbd verfügt, während das „Notfall-Barrel-Arsenal“ auf die mittlere (nach drei bis sechs Monaten) und die lange Frist (nach sechs Monaten) 2,3 mbd bzw. 3,4 mbd betragen dürfte. Bezüglich der sanktionsbedingten Exportausfälle des Iran erwarten wir, dass sich diese im Laufe des Kalenderjahres 2019 auf ~1,2 mbd belaufen dürften, von denen zum aktuellen Zeitpunkt bereits ~0,8 mbd realisiert worden sind. Die nach unserer Kalkulation noch zu erwartenden weiteren Iran-Einbußen von ~0,4 mbd, sollten – unter der Maßgabe, dass es auf dem Rohölmarkt kurzfristig zu keinen weiteren großkalibrigen Angebotsausfällen mehr kommt – somit selbst durch die kurzfristige OPEC+-Reservekapazität abgedeckt werden können. Unter Berücksichtigung der aktuellen Marktbefindlichkeiten, des asynchronen medialen Hintergrundrauschens, der unmittelbar vor der Tür stehenden „US-Energiesanktionen“ gegen den Iran und der Existenz einiger – angebotsseitig nicht unbeachtlicher – „geopolitischer Konfliktherde“ (Libyen, Nigeria) rechnen wir auf Sicht der kommenden sechs bis neun Monate mit Brent-Rohölpreisen von rund 80 USD.

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