Großbritannien: Kräftiges Wachstum im Sommer nur ein Strohfeuer

Die britische Wirtschaft hat erneut mit einem soliden Wachstum überrascht. Im zurückliegenden dritten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen – der höchste vierteljährliche Zuwachs seit fast zwei Jahren. Im Jahresverlauf hat sich das Wirtschaftswachstum damit sichtbar beschleunigt. Übergroßer Optimismus, dass die Wachstumsrisiken durch die Brexit-Unsicherheit vernachlässigt werden können, ist jetzt allerdings fehl am Platz. Der Wachstumsschub ist primär auf zwei Sondereffekte zurückzuführen: Die günstige Witterung während der Sommermonate, die die Bautätigkeit beflügelt hat, und kräftige Exporte, die von Vorzieheffekten profitiert haben. Mit Blick auf das hohe Risiko eines „No deal“-Brexits, der den britischen Außenhandel im kommenden Frühjahr drastisch ausbremsen würde, beginnen sich die Handelspartner der Briten augenscheinlich, mit unverzichtbaren Produkten aus Großbritannien einzudecken.

Damit dürfte das BIP-Wachstum in diesem Jahr wohl etwas höher ausfallen als bislang geschätzt. An unserem vorsichtigen Konjunkturausblick halten wir dennoch unverändert fest. Im laufenden vierten Quartal rechnen wir nur noch mit einer Stagnation der britischen Wirtschaft, im kommenden Jahr dürfte die Wachstumsrate kaum mehr als 1 Prozent betragen. Darauf deuten gleich mehrere Faktoren hin. Laut der monatlichen Erhebung der Wirtschaftsleistung hat die Konjunktur bereits im Verlauf des zurückliegenden Quartals deutlich abgebremst und ist damit fast schwunglos ins Schlussquartal dieses Jahres gestartet. Auch die aktuellen Stimmungsumfragen in der Industrie und im Dienstleistungsbereich lassen eine zunehmende Skepsis in der britischen Wirtschaft erkennen, die Umfrageindikatoren (Einkaufsmanagerindizes) sind zuletzt auf die niedrigsten Niveaus seit kurz nach dem Brexit-Votum gefallen. Und schließlich ist davon auszugehen, dass bald auch die britischen Unternehmen verstärkt Vorräte importieren, um für den „harten Brexit“ gewappnet zu sein. Bislang ist ein wachstumsdämpfender Importsog dagegen ausgeblieben.

Im Brexit-Verhandlungspoker läuft nun alles auf einen „Showdown“ in letzter Minute hinaus. Wir glauben zwar nach wie vor an eine Einigung zwischen Brüssel und London, es wird aber wahrscheinlich bis Mitte Dezember dauern, bis der Ausstiegsvertrag gänzlich „unter Dach und Fach ist“. Und bis das britische Unterhaus das Gesetz endgültig verabschiedet hat, dürfte der 29. März, der Austrittstermin, nicht mehr fern sein. Dabei besteht allerdings ein erhebliches Risiko, dass die Einigung auf irgendeiner Etappe dieses Weges doch noch scheitert. Das soeben begonnene Winterhalbjahr wird daher wohl zwangsläufig von beträchtlicher Unsicherheit geprägt sein, die vor allem die Investitionsbereitschaft der Unternehmen dämpfen wird.

 

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