Rohöl – Preissturz auf 65 US-Dollar nach der übertriebenen Party

Ein Barrel Brent-Rohöl kostet nur noch rund 65 US-Dollar – vor sechs Wochen stand der Preis noch bei 85 USD. Es wurde damals sogar spekuliert, er könne möglicherweise schon in Kürze die 100-USD-Marke erreichen. In volatilen Marktphasen können sechs Wochen eine lange Zeit sein. Ausschließlich fundamental ist der 24%ige Preissturz des Nordsee-Rohöls aber nicht zu erklären. Die vergangenen drei Monate waren eine Phase von Über- und Untertreibungen.

Im August war das Preisumfeld ausgesprochen „bullish“: Von den USA waren gerade die ersten Sanktionen gegen Teheran verhängt worden. Iranischen Rohöl-Kunden wurde nahegelegt, ihre Einfuhren auf null zu reduzieren, um scharfen Sekundärsanktionen zu entgehen. In diesem Kontext begann der Markt, iranische Export-Verluste von 1,5-2,0 Mio. Barrel pro Tag (mbd) einzupreisen. Zeitgleich sorgten innenpolitische Probleme in Libyen dafür, dass die Produktion von 1,0 mbd auf 0,6 mbd zurückfiel. Überdies nahm das US-Energieministerium (DOE) unter Verweis auf Pipeline-Probleme im Schiefergas-Premium-Gebiet Permian seine Produktionserwartungen zurück. Schließlich kursierten übermäßig hohe Nachfrageschätzungen, die die konjunkturellen Bremsimpulse der multilateralen Handelskontroversen nicht adäquat abbildeten. Als US-Präsident Donald Trump vor diesem Hintergrund auch noch die OPEC+ aufforderte, mehr Rohöl zu fördern, um ein drohendes Angebotsdefizit zu verhindern, war der Brent-Rohölpreis kaum noch aufzuhalten.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der jüngste Preisabsturz: Der Ausgangspreis von 85 USD war schlicht und ergreifend übertrieben hoch! Die genannten Fundamentalfaktoren entfalten nun eher eine preisbelastende Wirkung. So kristallisiert sich heraus, dass die Worst-Case-Projektionen für die iranischen Exporte zu hoch dimensioniert waren. Im innenpolitisch unruhigen Libyen ziehen die großen nationalen Spieler aktuell an einem Strang, so dass die Rohölförderung derzeit sogar bei 1,1 mbd steht. In den USA deuten die jüngsten DOE-Zahlen an, dass die Produktionsdynamik doch spürbar höher ist, als noch im September veranschlagt. Und angesichts wackliger Welt-Börsen haben sich schließlich auch die Nachfragewachstumsprognosen abgeschwächt.

Dabei könnte die derzeitige Preiskorrektur-Bewegung durchaus auch nach unten übertreiben. Denn eine ganze Reihe von Faktoren sprechen mit Blick auf die kommenden Wochen für wieder steigende Notierungen. So wird die OPEC+ ihre Förderung wohl wieder spürbar zurückdrehen. Dies dürfte den Brent-Rohölpreis oberhalb von 70 USD stabilisieren. Außerdem werden sich die revidierten US-Produktionsschätzungen des DOE wohl als zu ambitioniert erweisen. Daneben erscheint es höchst unwahrscheinlich, dass die Rohölproduktion in Libyen auf dem aktuell hohen Niveau bleibt. Auch im Umfeld der Präsidentschaftswahl in Nigeria (16.02.) kann es zu spürbaren Output-Einbußen kommen. Und wenngleich die iranischen „Anfangsexportverluste“ geringer als vom Markt erwartet waren, dürften sich die Exportvolumina im Laufe der kommenden Monate doch langsam aber stetig weiter fallen. Schließlich sollten die Investoren einen Handels-Deal zwischen Washington und Peking als potenziell preistreibende Wild-Card auf dem Radar haben. All das könnte den Rohölpreis leicht wieder in Richtung 75 USD tendieren lassen.

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