Börsen im Defensivrausch: Künstliche Intelligenz zum KGV von Dosensuppenherstellern

Aktienmarkteilnehmer setzen auf eine starke Defensive und kaufen vermeintlich langweilige Unternehmen statt stark wachsender Titel. Dies war im Oktober zu sehen, als die bis dato geliebten Technologiewerten großen Kursverluste verzeichneten, während die zuvor verschmähten defensiven Werte aufholten. Aktien aus den Branchen Pharma und Nahrungsmittel notieren aktuell auf Jahreshöchstständen, während konjunkturzyklische Werte deutlich darunter notieren.

In der Theorie hängt das Wohlergehen zyklischer Werte von einem wirtschaftlich wachsenden Umfeld ab, in einer volkswirtschaftlichen Rezession fallen die Titel entsprechend überdurchschnittlich. Die defensiven Titel hingegen wachsen auch, wenn die Wirtschaft schwächelt. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass Unternehmen wie Nestlé, AB Inbev, Coca Cola und Co. schon seit einigen Jahren deutlich schwächer wachsen (wenn überhaupt) als die globale Inflation. Die defensiven Unternehmen suchten ihr Heil zunehmend in finanztechnischen Maßnahmen. Dazu gehörten Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen, dank niedriger Zinsen auch auf Kredit. Durch die Rückkaufsprogramme stiegen die Gewinne je Aktie trotz stagnierenden Geschäfts. Spätestens seitdem 2018 aber das eine oder andere aufstrebende Schwellenland Schwächen zeigte, sind Anfälligkeiten im Kerngeschäft kaum noch zu verstecken. Dies war bei der Gewinnwarnung des Bierherstellers AB Inbev Ende Oktober zu beobachten, die zu einer Halbierung der Dividendenzahlungen führte.

Umso mehr überrascht es, dass das Pendel zugunsten defensiver Titel nun so stark umgeschlagen hat. Die Kursstärke der defensiven Werte bei gleichzeitiger Schwäche der zyklischen Titel hat dazu geführt, dass heute überraschende Bewertungskonstellationen auftreten: Zum Beispiel wird heute die Aktie von „Campbell Soup“ am Aktienmarkt mit einem KGV von 16,1 für 2019 bewertet. Damit gehört die Aktie eigentlich zu den günstigsten Titeln im defensiven Segment, viele Aktien im Nahrungsmittelbereich weisen auch KGVs jenseits der 20 auf. Campbell Soup ist Weltmarktführer im Bereich der Fertigsuppen (u.a. „Erasco“) – ein Segment, welches in der Vergangenheit weder durch Innovationen noch Wachstum hervorstach. Das KGV von Campbell Soups liegt damit auf einer Höhe mit dem um die Barliquidität bereinigten KGV des Unternehmens Alphabet (16,3). Alphabet ist mit Google Weltmarktführer für digitale Werbung, Weltmarktführer für Smartphonebetriebssysteme und eines der führenden Unternehmen in Bereichen der künstlichen Intelligenz und des Cloudcomputings. Das langfristige Wachstum der Unternehmensumsätze über die nächsten fünf Jahre hinweg wird laut Bloomberg für Alphabet auf 18% pro Jahr geschätzt, für Campbell Soup auf 3,5%. Nach der Faustformel „Wachstum zu einem vernünftigen Preis“ kann man das aktuelle KGV in Relation zum erwarteten langfristigen Wachstum setzen. Danach wären Alphabet günstig bewertet, Campbell Soup hingegen sehr teuer.

Augenscheinlich bekommen immer mehr Anleger Angst davor, dass die Weltwirtschaft an Schwung verliert und stoßen daher die Werte, die vom starken volkswirtschaftlichen Wachstum profitieren, ab. Schlittern aber zukünftig weitere Emerging Marktes und deren Währungen in die Krise, dürften die defensiven Unternehmen, die diesen Ländern ebenfalls stark expandiert sind, unseres Erachtens nicht viel mehr Sicherheit bieten als der breite Markt. Außerdem verpassen Anleger Chancen im Technologiebereich, in dem aktuell derzeit so viele disruptive Energie freigesetzt wie zuletzt in der industriellen Revolution. Zudem sind deren Titel (siehe Alphabet/Google) nicht zu hoch bewertet, genauso wie sich auch die breite Aktienmarktbewertung des S&P 500 jüngst wieder bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16,2 eingependelt hat. Es liegt damit im fairen historischen Bereich.

Dieser Trend in Richtung defensiver Titel sollte in Anbetracht der vorherrschenden Unsicherheit noch einige Zeit anhalten. Es ist spricht aber einiges dafür, dass die wachstumsstärkeren Werte bald wieder an Beliebtheit gewinnen werden. Dies dürfte spätestens der Fall sein, wenn die momentane Schwäche bei den volkswirtschaftlichen Frühindikatoren durchlaufen wurde.

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