Aktien: Gefahren des Mythos „Dividendenstrategie“

Nichts scheint für Kapitalanleger so verlockend zu sein wie hohe Dividendenrenditen und die Reinvestition derselben. „Dividenden sind die neuen Zinsen“ heißt es seit einigen Jahren unter institutionellen Anlegern. Auch Privatanleger haben das Thema für sich entdeckt und bloggen rund um das Thema „Dividende als zweite Einkommensquelle“. Die Zahl der Dividenden-Blogs ist rasant gewachsen. Und auf Webseiten wird häufig nur gekauft, was am meisten auszahlt. Auf eine Fundamentalanalyse der Unternehmen wird vielfach verzichtet. Die breite Streuung auf 50 Titel und mehr soll vor einem Risiko schützen. Vielfach landen auch Spezialitäten (zum Beispiel amerikanische Master Limited Partnerships) oder Titel, die eine steuerbefreite Dividende zahlen, im Portfolio – ohne eine vorhergehende Prüfung.

So sehr wir es begrüßen, dass auch die Deutschen im Rahmen der Altersvorsoge nun verstärkt auf Aktien setzen: Aktionäre sollten sich von der Vorstellung lösen, Dividendenzahlungen seien das Allheilmittel in der Kapitalanlage. Folgende Gründe sprechen gegen einen zu starken Fokus ausschließlich auf die Höhe der Dividendenrendite:

– Dividendenzahlungen sind nicht sicher – vor allem in Rezessionen
Zu großflächigen Dividendenkürzungen kommt es üblicherweise im Konjunkturabschwung. Wie stark können diese Kürzungen ausfallen? Der Blick zurück auf die volkswirtschaftlichen Rezessionen in Deutschland in den Jahren 1983, 1993, 2003 und 2010 führt zu einer ersten Schätzung. Rund um diese volkswirtschaftlichen Schwächephasen fielen die Gewinnschätzungen für die DAX-Unternehmen um durchschnittlich 44%. Besonders hart traf es die Gesellschaften im letzten Abschwung. In ihm wurden die Gewinnreihen um 72% reduziert. Auch die Dividendenausschüttungen wurden während der Rezessionen gekürzt, im Durchschnitt um ein Viertel (siehe Grafik).
– Dividenden sind steuerpflichtig und mindern den Zinseszinseffekt
Dividenden sind ein Teil der versteuerten Unternehmensgewinne, die vor Reinvestition in neue Aktien auch noch beim Anleger versteuert werden müssen. Die genaue Höhe der Steuerpflicht hängt davon ab, wo der Aktionär seinen Wohnsitz hat. Privatanleger in Deutschland zahlen die Abgeltungssteuer in Höhe von 25%, dazu kommen Solidaritätszuschlag (5,5%) und gegebenenfalls Kirchensteuer. Anleger werden also mit 26,9% oder mehr besteuert, so dass von 1 Euro Bruttodividende höchstens 73 Cent übrigbleiben und wieder investiert werden können. Deutlich schneller vermehrt sich das Anlagekapital, wenn Unternehmen die Gewinne nicht ausschütten, sondern im eigenen Geschäftsbetrieb zu einer durchschnittlichen (oder gar überdurchschnittlichen) Kapitalrendite reinvestieren können. Hier entfällt die zweite Besteuerungsstufe.
– Dividenden sind Aktienrückkäufen unterlegen
Unternehmen, die hohe freie Mittelzuflüsse verzeichnen, können ihren Aktionären keinen größeren Gefallen tun, als die eigenen Aktien zurückzukaufen. Es gibt Gesellschaften, bei denen Aktienrückkäufe fest in der Unternehmenskultur verankert sind. Dazu gehören Blue-Chips wie IBM, die in den vergangenen 25 Jahren knapp 60% ihrer Aktien zurückgekauft haben, Coca Cola (27%) oder American Express (25%). Kritik: In puncto Aktienrückkäufe ist Deutschland immer noch ein Entwicklungsland, nur wenige der Unternehmen nutzen dieses Mittel erfolgreich seit langer Zeit.
– Thesaurierung von Dividendenerträgen erfolgt zum Marktpreis
Werden die erhaltenen und versteuerten Dividenden sofort wieder in den Kauf neuer Aktien reinvestiert, kauft der Aktionär zum aktuellen Kurs. Ist dieser zu teuer, macht er auf lange Sicht ein schlechtes Geschäft.
– Die meisten Unternehmen sind keine zuverlässigen Dividendenzahler – sie existieren nicht lange genug
Für jedes heute sichtbar erfolgreiche Unternehmen (beispielsweise Apple und Samsung bei Smartphones) gibt es immer auch einen „Friedhof“ mit Unternehmen, die es nicht geschafft haben (wie zum Beispiel Blackberry, Nokia, Siemens/BenQ, SonyEriccson, Palm). Firmen, die sich nicht durch einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil (beispielsweise Markennamen, Kostenführerschaft, Lizenzen/Patente/Rechte, Netzwerkeffekte) von der Konkurrenz absetzen können, werden über einen langen Zeitraum hinweg durch den Markteintritt neuer Konkurrenten und den darauffolgenden Konkurrenzkampf bedeutungslos. Die meisten Unternehmen auf der Welt weisen keinen dauerhaften Wettbewerbsvorteil auf. Daher ist ein Unternehmen mit Wettbewerbsvorteilen, aber nur einer niedrigen Dividendenrendite einem Unternehmen ohne Wettbewerbsvorteile, aber mit einer hohen Dividendenrendite langfristig deutlich überlegen.

Anleger sollten in Anbetracht dieser Risiken nicht blind auf die Titel mit den höchsten Dividendenrenditen setzen, sondern stärker darauf achten, dass das Unternehmen eine überdurchschnittliche Kapitalrendite erzielen kann. Eine fundamentale Analyse des Geschäftsmodells und eine Untersuchung des Wettbewerbumfelds für langfristige Dividendeninvestments bleibt unverzichtbar, ebenso wie die Untersuchung, ob die Tragfähigkeit der Dividendenzahlungen über die Bilanz gewährleistet ist.

 

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