Rückkehr zur geldpolitischen Normalität ist eine Herausforderung

Die europäischen Währungshüter haben sich in den zurückliegenden Jahren sowohl mit klassischen als auch mit unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen gegen die Nachwirkungen der Finanz- und Schuldenkrise gestemmt. Mittlerweile wird aber deutlich, dass das geldpolitische „Waffenarsenal“ ausgereizt ist. Ein Indiz hierfür ist unter anderem, dass die europäischen Währungshüter die verschiedenen Euroländer eindringlich zu Reformen drängen.

Sollten sich die Wolken am Konjunkturhimmel in den nächsten Wochen und Monaten weiter verdunkeln, dürften die Währungshüter wohl zunächst ihre gegenwärtige Forward Guidance für die Leitzinsentwicklung adjustieren. Verharrt die Inflation weiter auf einem niedrigen Niveau, könnten sie von der Idee abrücken, die Leitzinswende anzugehen. Um dies klar zu verdeutlichen, dürfte die EZB im geldpolitischen Statement erneut hervorheben, dass das gegenwärtige Leitzinsniveau noch einige Zeit anhalten dürfte.

Eine darüber hinausgehende Möglichkeit der EZB, die geldpolitischen Rahmenbedingungen noch etwas zu lockern, wäre wohl eine zeitliche Verlängerung der APP-Reinvestitionen. Auch nach dem Ende der Nettoneukäufe bleibt die Notenbank ein beträchtlicher Nachfrager nach Staatspapieren. Um den Aufwärtsspielraum der längerfristigen Kapitalmarktrenditen nachhaltig zu limitieren, wäre es durchaus vorstellbar, dass die EZB den zeitlichen Horizont für die Reinvestitionen konkretisiert und zugleich ausweitet. Dies würde wohl dazu beitragen, dass die Renditen noch für längere Zeit auf niedrigem Niveau bleiben. Um aber nochmals einen zusätzlichen geldpolitischen Impuls zu setzen, müsste die Notenbank wohl einen sehr langen Reinvestitionszeitraum (über fünf Jahre) in Aussicht stellen.

Im Falle eines ausgeprägten konjunkturellen Schocks dürften die EZB-Vertreter durchaus in Erwägung ziehen, die jüngst beendeten monatlichen Anleihekäufe (netto neu) im Rahmen des APP wieder aufzunehmen, um weitere Zentralbankliquidität in die Finanzmärkte zu pumpen. Zugleich dürften sich die Notenbank-Oberen aber auch bewusst sein, dass dieses unkonventionelle Instrument nicht mehr über die gleiche Schlagkraft verfügt wie bei dessen Einführung 2015. So würde bei einer Wiederbelebung der monatlichen Nettoneukäufe bei einzelnen Eurozonen-Ländern (Deutschland, Niederlande, Finnland) vergleichsweise rasch das Emissions- beziehungsweise Emittentenlimit erreicht werden. Eine Liquiditätsspritze in Form neuer längerfristiger Tender und die Fortsetzung der Vollzuteilungspolitik könnte die EZB bei einer sich abzeichnenden Wachstumsverlangsamung ebenfalls in Erwägung ziehen.

Der Überblick über die noch verbleibenden Handlungsoptionen der EZB führt schmerzhaft vor Augen, dass die Währungshüter ihre geldpolitische Munition in den zurückliegenden Jahren weitgehend aufgebraucht haben. Sollte die Notenbank dazu gezwungen sein, ihre geldpolitische Ausrichtung weiter zu lockern, wenn verbale Aktionen nicht gelingen, wäre sie wohl gezwungen, radikalere Maßnahmen (zum Beispiel die Auflösung der Kapitalschlüssel) zu ergreifen. Damit würde sie allerdings riskieren, dass ihre Reputation Schaden nimmt.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 4.60

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *