Brexit: Finanzmärkte erwarten weiterhin einen glimpflichen Ausgang

Die britische Premierministerin erlitt letzte Woche eine weitere Niederlage im Unterhaus und es ist derzeit unklar, wie es nun weitergeht. Was wir wissen, ist, dass das Parlament am 27. Februar eine weitere Abstimmung abhalten wird. Noch unklar ist, ob es sich dabei lediglich um eine Abstimmung über einen weiteren Regierungsantrag handelt, oder um die sogenannte „meaningful vote“, also die Abstimmung über das EU-Austrittsabkommen. Ersteres erscheint uns derzeit wahrscheinlicher. Zwar hindert Premierministerin May theoretisch nichts daran, ihren Deal immer wieder vor das Parlament zu bringen, sie wird jedoch alles daransetzen, eine erneute Niederlage zu vermeiden. May dürfte ihren Deal also erst dann wieder vorlegen, wenn eine realistische Chance besteht, die Zustimmung des Parlaments zu bekommen. Dies ist nur unter zwei Bedingungen denkbar: Entweder a) die EU macht die Zugeständnisse, die das britische Parlament fordert, oder b) das Parlament sieht keine andere Möglichkeit mehr, einen No-Deal-Brexit zu verhindern. Ersteres scheint derzeit unwahrscheinlich, denn die EU hat mehr als deutlich kommuniziert, dass sie nicht bereit ist, sich zu bewegen. Gleichzeit ist aber auch im Parlament keine Bereitschaft zu Kompromissen zu erkennen. Und da noch ein weiterer Monat bis zum offiziellen Brexit-Tag verbleibt, ist es unwahrscheinlich, dass das Parlament bereits am 27. Februar genügend Druck verspüren wird, um einem Abkommen zuzustimmen, das es zuvor so entschieden abgelehnt hat. Das wahrscheinlichste Szenario ist daher, dass May die „meaningful vote“ so lange wie möglich hinauszögern wird.

Die Wahrscheinlichkeit eines ungeordneten EU-Austritts ist zuletzt unbestreitbar gestiegen. Es ist zwar gut möglich, dass die britische Regierung in den kommenden Wochen eine Verlängerung von Artikel 50 EUV beantragt. Ob eine dann längere Verhandlungszeit aber letztendlich zu Erfolg führt ist nicht sicher. Ein möglicher No-Deal Brexit spiegelt sich bisher nicht in den Marktbewertungen wider. In der unmittelbaren Folge des Referendums im Jahr 2016 verlor Sterling erheblich an Boden, hat sich aber seither als überraschend widerstandsfähig erwiesen. Der FTSE100 folgt weiterhin dem Ton der globalen Aktienmarktstimmung und es gibt keine Hinweise darauf, dass sich eine signifikante Risikoprämie bei den Renditen von Staatsanleihen aufgebaut hätte. Der Markt setzt also weiterhin auf einen glimpflichen Ausgang. Im Falle eine ungeordneten EU-Austritts sollten daher die Folgen an den Finanzmärkten heftig ausfallen. Für das Pfund wäre mit einer deutlichen Abwertung von 10% bis 15% zu rechnen. Wir haben in der Vergangenheit argumentiert, dass dies zu einem Anstieg von EUR-GBP über die Parität führen könnte, aber die derzeitige Verwundbarkeit des Euros (weitgehend das Ergebnis enttäuschender Fundamentaldaten) macht eine so aggressive Bewegung derzeit unwahrscheinlicher. Stattdessen dürfte GBP-USD die Hauptlast der Anpassung tragen und könnte bis auf ein Niveau um oder sogar unter 1,15 US-Dollar nachgeben, während EUR-GBP auf Kurse um 0,95 bis 0,96 Pfund klettern könnte. Auch die Renditen britischer Staatsanleihen dürften sinken und könnten in Richtung 0,60% bis 0,80% (10J) zurückgehen, wenn die Hoffnungen auf BoE-Zinserhöhungen durch Spekulationen über neue Zinssenkungen als Reaktion auf die Rezession ersetzt werden, die ein No-Deal-Brexit zwangsläufig auslösen würde.

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