Sind die Aktienmärkte stürmischer geworden?

Viele Marktteilnehmer sind der Meinung, die Kursbewegungen am Aktienmarkt seien stürmischer geworden. Es werden keine lang anhaltenden Sturmphasen empfunden, vielmehr sind es kurze und kräftige Wirbelstürme, die, um im Wortbild zu bleiben, die Märkte regelmäßig durcheinanderwirbeln. Kann die Empirie, das heißt der Blick auf die Kursbewegungen der Vergangenheit, diese Einschätzung bestätigen?

Zur Beantwortung dieser Frage haben wir uns die Verteilung der täglichen Kursschwankungen im DAX zwischen 1965 und heute angeschaut. Das Ergebnis zeigt, dass sich zu 78% der Zeit die Kurse in einem „normalen“ Schwankungsfenster der Tagesrenditen zwischen – 1,2% bis + 1,2% (für Freunde der Statistik: plus / minus eine Standardabweichung) bewegt haben. So weit, so gut.

Diese Daten erzählen jedoch nicht die ganze Geschichte. Kapitalmarktforscher haben festgestellt, dass es Anomalien bei den Renditedaten gibt, wie zum Beispiel extrem positive und negative Tagesrenditen. Diese sind in der Statistik die sogenannten „Fat Tails“, also die dicken Enden in Verteilungsfunktionen. Sie beschreiben höchst seltene und starke Kursausreißer. Wir haben diese Ausreißer als täglichen Kursgewinn beziehungsweise -verlust jenseits von fünf Standardabweichungen (englisch „Five Sigma“; nicht zu verwechseln mit dem Managementtool „Six Sigma“ von General Electric) definiert. Dies entspricht einer Tagesbewegung von rund 6% (1,2% x 5) in die eine oder andere Richtung.

 

 

Das Ergebnis zeigt, dass es seit 1965 „nur“ 96 Handelstage (oder 0,7% der Zeit) gab, an dem sich die DAX-Kurse so stark bewegt haben. Verteilt auf die einzelnen Jahrzehnte, ist seit den 1980er Jahren, in denen der Computerhandel flächendeckend eingeführt und der Börsenhandel deutlich liquider wurde, die Verteilung dieser Extremereignisse recht gleichmäßig. So ist die aktuelle Dekade (2010 bis heute) mit 13 Extrembewegungen genauso durchschnittlich wie die 1980er und die 1990er Jahre. Lediglich die Jahre zwischen 2000 und 2009, in denen sich Krisen wie das 9/11-Attentat und die Lehman-Krise ereigneten, war deutlich stressiger. Hier haben wir 53 „Five Sigma“-Ereignisse gezählt. Das größte positive Sigma-Ereignis aller Zeiten fand im DAX am 13. Oktober 2008 statt, als der Index um 11,4% stieg. Unterdessen war das größte negative Sigma-Ereignis der heute nahezu unbekannte Crash vom 16. Oktober 1989, ausgelöst durch Finanzierungsschwierigkeiten bei Übernahmen einiger US-Unternehmen.
An diesem Tag fielen die Kurse um 12,8%. Im Vergleich dazu sind die Kursbewegungen der vergangenen Jahre nicht besonders stürmisch gewesen. Es gibt auch keinen Grund, vor einer neuen „Sturmsaison“ zu warnen, weil diese auch im „Five Sigma“-Bereich nicht vorhersehbar sind. Anleger, die ihre Rendite „pro Einheit Stress“ optimieren möchten, sollten ohnehin nur so selten wie möglich auf die Kurse schauen – und schon gar nicht auf Tagesschwankungen

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