EZB: Rennen um Draghi-Nachfolge in vollem Gange

Ende Oktober endet die achtjährige Amtszeit von EZB-Chef Mario Draghi und nach wie vor ist unklar, wer die Nachfolge des Italieners antreten wird. Unabhängig davon, wer letztlich die EZB-Amtsgeschäfte ab November leiten wird, gehen wir von einer Fortsetzung der ultraexpansiven Geldpolitik aus. Denn die geldpolitische Marschrichtung der Notenbank wird nicht vom Vorsitzenden allein festgelegt, sondern vom geldpolitischen Rat als Ganzes. Somit wird selbst ein bekennender Zinsfalke keinen unmittelbaren Kursschwenk herbeiführen können.

In den kommenden Wochen muss jedoch nicht nur ein Nachfolger für EZB-Chef Draghi gefunden werden, sondern auch für den ebenfalls aus dem Amt scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge werden beide Spitzenpositionen nicht mit Vertretern eines einzelnen europäischen Landes besetzt. Da das Europäische Parlament bereits Anfang Juli über den EU-Kommissionsvorsitz abstimmen dürfte, wird der Ausgang dieses Personalpokers richtungsweisend für die Besetzung des EZB-Vorsitzes sein.

Neben Bundesbankchef Weidmann werden noch zwei Franzosen (Villeroy de Galhau / Coeuré) und zwei Finnen (Rehn / Liikanen) als potenzielle Draghi-Nachfolger gehandelt. Gegenwärtig als aussichtsreichster Kandidat für das EZB-Spitzenamt gilt Umfragen zufolge der französische Notenbankchef Villeroy de Galhau. Der Franzose hat jüngst hervorgehoben, dass er alles zur Euro-Rettung tun würde („whatever it takes“), und steht damit für Kontinuität in der geldpolitischen Ausrichtung. Eine Außenseiterposition für die Draghi-Nachfolge hat Bundesbankchef Weidmann: Auch wenn er zuletzt seinen Frieden mit den EZB-Anleihekäufen gemacht hat, haben die Finanzmarktakteure weiterhin ihre Vorbehalte. Man befürchtet, dass er auf ein Krisenszenario nicht mit einer „Whatever it takes“-Rede reagiert. Sollten sich die Kandidaten der beiden größten europäischen Volkswirtschaften nicht durchsetzen können, wäre ein finnischer EZB-Chef ein möglicher Kompromiss. Als Option sehen die Finanzmarktakteure hier das ehemalige EZB-Ratsmitglied Liikanen.

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