Japanischer Aktienmarkt: Niedrige Bewertung, Hemmnis Handelskonflikt

Seit dem Jahr 2013 laufen in Japan die „Abenomics“, um die jahrzehntelange Stagnation der Wirtschaft durch Reformen und fiskal- und geldpolitische Impulse zu beenden. Sechs Jahre später haben sich gewisse Erfolge eingestellt. Das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist gestiegen und der Arbeitsmarkt ist mit einer Arbeitslosenquote von 2,5% nahezu leergefegt. Im Gegenzug stieg allerdings die Staatsverschuldung kontinuierlich auf fast 240% der Wirtschaftsleistung an. Der Spielraum für weitere fiskalpolitische Impulse wird daher immer kleiner. Kurzfristig bleibt die Inflation in Japan hartnäckig niedrig und das Wirtschaftswachstum abhängig vom globalen Umfeld. Vor diesem herausfordernden Hintergrund schrumpfte das reale BIP bereits 2018 in zwei von vier Quartalen. Im Jahr 2019 überraschte das Wachstum des ersten Quartals, es besteht aber in der Vorausschau kaum Anlass für Euphorie. Für das exportstarke Japan stellen, ähnlich wie in Deutschland, die anhaltenden Handelsspannungen zwischen den USA und China Risiken dar. Die Hoffnung auf steigende Staatseinnahmen schwinden – somit steht die ursprünglich für Oktober geplante Anhebung der Mehrwertsteuer möglicherweise auf der Kippe.

Im Big Picture der Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur die Profitabilität – gemessen an Größen wie der Eigenkapitalrendite oder den Gewinnmargen –, sondern auch das Image der japanischen Unternehmen verbessert: Zurückzuführen ist dies auf zahlreiche betriebswirtschaftliche Optimierungen, aber auch auf Reformen hinsichtlich der Corporate Governance (Stichwort: Familienclans, Konglomerate) sowie der weiteren Finanzmarktöffnung (u.a. höherer Abdeckungsgrad durch Finanzanalysten und Publikation englischer Unternehmensberichte). Das – international immer noch überdurchschnittlich vorhandene – Überschusskapital japanischer Firmen wird zunehmend in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen an Aktionäre zurückgeführt oder für Fusionen und Übernahmen verwendet. Zudem werden unterbewertete Tochterfirmen von den Konglomeraten aufgekauft. Mit Blick auf die zurückliegenden Jahrzehnte sind dies keine Selbstverständlichkeiten für japanische Unternehmen. Zusätzlich unterstützt die sehr entgegenkommende Politik der japanischen Notenbank die Konzerne.

Dank der insgesamt stabilen heimischen Konjunktur und der noch festen Auslandsnachfrage sollte die Gewinnentwicklung am japanischen Aktienmarkt unverändert solide ausfallen. In diesem und im nächsten Jahr sollten die Nettogewinne der größten japanischen Unternehmen um jeweils über 6% steigen. Dies wäre ein weniger dynamisches Wachstum als hierzulande momentan bei den DAX- und Euro-Stoxx 50-Unternehmen erwartet wird.

Die Bewertung japanischer Aktien hat sich vergünstigt. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,7 notiert der Topix mit einem deutlichen Abschlag zum langfristigen Mittel von knapp 15. Auch die Dividendenrendite liegt mit 2,6% höher als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Diese Bewertungskennzahlen stufen wir als attraktiv ein. Auf der Liste der 46 Ländermärkte, die wir uns monatlich anschauen, ist der japanische Aktienmarkt aktuell der neuntgünstigste und unter den entwickelten Märkten hinter Korea und Österreich sogar der drittgünstigste.

Ausblick: Wie schon 2018 (und ähnlich zum DAX) bleibt der hohe Offenheitsgrad der börsennotierten Unternehmen sowie die „Sandwich-Position“ zwischen China und den USA ein Risiko für die Gewinnentwicklung der japanischen Konzerne. Sollte sich der Konflikt hingegen etwas entspannen und China in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich wieder stärker wachsen, dürften auch japanische Unternehmen profitieren. Bisher ist aber nicht absehbar, ob die Verhandlungen zwischen Washington und Peking überhaupt zu positiven Ergebnissen führen werden. Ein zusätzlicher Kurstreiber wäre der Verzicht Tokios auf die für Oktober geplante Mehrwertsteuererhöhung.

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