In Deutschland wird mehr gespart

Das Umfeld für die Geldanlage der privaten Haushalte in Deutschland bleibt schwierig. Hatte die Ankündigung der EZB im September letzten Jahres, ihre Netto-Anleihekäufe stufenweise zu beenden, noch Hoffnungen auf ein Abklingen der Niedrigzinsphase geweckt, verflüchtigten sich diese bereits wieder ab der Jahreswende. Mit der Abschwächung des Wirtschaftswachstums in Deutschland und Europa sowie der Verschärfung des Handelskonflikts zwischen den USA und China rückte eine geldpolitische Normalisierung wieder in die Ferne. Die durchschnittliche Umlaufsrendite festverzinslicher Wertpapiere verzeichnet seit Monaten eine sinkende Tendenz – seit Juni mit negativem Vorzeichen. Für die Aktienmärkte ergeben sich gegensätzliche Signale: Während expansive Geldpolitik und niedrige Zinsen die Aktiennachfrage als Anlagealternative anschieben, lasten Handelsstreitigkeiten und eingetrübte Konjunkturaussichten auf den Umsatz- und Gewinnperspektiven börsennotierter Unternehmen. Das begrenzt das Kurspotenzial und verstärkt die Volatilität.

Im ersten Quartal des laufenden Jahres legten die privaten Haushalte erneut einen höheren Anteil ihres verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante. Damit setzt sich ein seit 2014 beobachtbarer Trend fort, der sich im nächsten Jahr mit einem spürbar langsamer wachsenden privaten Verbrauch verstärken dürfte. Wir rechnen für 2020 mit einem Anstieg der Sparquote auf 10,7 Prozent des verfügbaren Einkommens.

Das skizzierte Umfeld führt allerdings in ein Dilemma: Einerseits sind Privatanleger verständlicherweise nicht bereit, bei extrem niedrigen Zinsen in langfristige festverzinsliche Anlageformen zu investieren. Andererseits verhalten sich viele Bundesbürger bei der Geldanlage traditionell eher risikoscheu und meiden Aktien. Sie parken daher einen Großteil ihrer Geldvermögensbildung dauerhaft auf dem Girokonto oder als Bargeld. Aktuell fließen nahezu zwei Drittel aller neuen Anlagemittel in diese Kanäle. Die Folge ist ein gigantischer Geldanlagestau. Bargeld und Sichteinlagen machen inzwischen 26,7 Prozent des gesamten Geldvermögens aus. Die Aushebelung des Zinseszinseffekts bremst zudem den Vermögensaufbau. Dass das Geldvermögen der privaten Haushalte bis Ende 2020 trotzdem äußerst stabil auf nahezu 6,8 Bill. Euro wachsen dürfte, ist vor allem der hohen Ersparnis zu verdanken.

Seit 2008 sinkt die Verzinsung von Einlagen, Rentenpapieren und Versicherungen stetig. 2018 betrug die durchschnittliche Nominalverzinsung dieser Anlageformen nach Steuern und Verwaltungsaufwand nur noch rund 0,75 Prozent. Bei einer Inflationsrate von 1,85 Prozent ergibt sich ein negativer Realzins von gut einem Prozent. Das entspricht einem Wertverlust bei den betroffenen Geldvermögensbestandteilen von rund 50 Mrd. Euro. Obwohl die Inflationsrate im laufenden und im nächsten Jahr etwas niedriger ausfallen dürfte, bleibt der Realzins auf absehbare Zeit negativ.

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