Mit Schnellbooten sollte man nicht mehr fahren

Fast so alt wie die Börse selbst ist der Streit zwischen „Value“- und „Growth“-Anhängern, wenngleich dies per se keine konträren Anlagestile sind. Der Wert (=Value) eines Unternehmens wird durch Wachstum (=Growth) geschaffen. Value-Titel gelten als langweilige Dickschiffe mit wenig Wachstum und niedriger Bewertung, Growth-Titel als Schnellboote, die sich durch hohes Gewinnwachstum auszeichnen.

Was ist Value, was ist Growth, nach Definition der einschlägigen Indexanbieter? – Diese machen es sich einfach und schauen in der Regel nur auf das Verhältnis von Kurs- zu Buchwert (KBV) eines Unternehmens. Dieses gibt an, wie der aktuelle Marktwert eines Unternehmens zum bilanzierten Eigenkapitalwert notiert. Meist „buchen“ die Indexanbieter die nach KBV teurere Hälfte aller Aktien im Index in den „Growth“-Index und die andere Hälfte in den „Value“-Index. Aus unserer Sicht ist das eine unzureichende, fast schon irreführende Vorgehensweise.
Seit dem Ende der Finanzkrise 2008/09 haben sich Value-Titel deutlich schlechter entwickelt als Wachstumswerte. Jedoch hat sich zwischenzeitlich das weltwirtschaftliche Wachstum abgeschwächt, was den Value-Bereich zusätzlich schwächt. Ehemalige Antreiber wie China und die Emerging Marktes verlieren an Kraft. Auf Unternehmensseite haben viele globale Trends zunehmend die Marktsättigung erreicht, sodass es in bestehenden Industrien an Wachstumschancen mangelt. Vielfach halten Growth-Unternehmen die Aktionäre nur noch mit Aktienrückkäufen zu Lasten der eigenen Bilanz bei Laune, können sich das im Gegensatz zu vielen Value-Werten aber nicht immer leisten. Dies ist ein Trend, der im Falle eines Zinsanstiegs noch negativ überraschen kann.

Bedingt durch die schlechte Kursentwicklung sind viele Value-Titel so günstig wie selten zuvor. Gleichzeitig hat die Bewertung bei Growth-Aktien wieder Extremwerte erreicht. Dies liegt unter anderem an der Hausse bei den großen US-Technologieaktien. Aus unserer Sicht erscheint es ratsam, nicht per se auf die Rubriken Value und Growth zu schauen, sondern auf aktuelle Bewertung und Zukunftsperspektiven.
Im Mittelpunkt einer Investition am Aktienmarkt sollten immer vier Fragen stehen, die positiv zu beantworten sind: Verstehe ich das Geschäftsmodell? Sind die Aussichten des Unternehmens mit Blick auf die nächsten zehn Jahre gut? Handelt das Management im Interesse des Aktionärs? Ist die Bewertung niedrig genug für einen Einstieg? So können „Value-Fallen“, d.h. strukturell schwächelnde Unternehmen, umgangen werden.
Auch ist zu bedenken, dass nicht jeder der Stile gleichermaßen für einen Anleger geeignet ist. Auf Growth-Strategien zu setzen ist mental weniger anspruchsvoll, weil die Investoren meist „mit dem Strom“ schwimmen. Value-Investoren hingegen stehen oft abseits der Menge. Die erfolgreichsten Anleger der Welt kombinieren beide Ansätze, indem sie unterbewertete Aktien kaufen, die langfristig ein solides Wachstumspotenzial aufweisen. Diese sind jedoch sehr rar und nicht für jeden Investor auffindbar.

Eine Unterscheidung nach Value- und Growth-Aktien erscheint redundant. Welchen Sinn sollte Investieren haben, wenn nicht die Schaffung von Mehrwert im Portfolio?
Bei allen Investitionen am Aktienmarkt geht es darum, jetzt Geld zu investieren, um später mehr zu bekommen. Es ist die gleiche Kalkulation, die Anleger durchführen sollten, egal ob man eine Bankaktie zu 30 Prozent ihres Buchwertes kauft oder eine Aktie wie Amazon mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 73. Trotzdem kann man der Frage nach „Value“- oder Growth-Aktien als Marktbeobachter natürlich nicht aus dem Weg gehen.

 

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