Großbritannien und der Brexit

Das Hin und Her im Brexit-Prozess hat in den vergangenen Monaten für große Unsicherheit in Großbritannien gesorgt. Dafür hat die britische Wirtschaft im zurückliegenden Quartal immer noch ein ordentliches Wachstum erzielt. Mit einem Plus von 0,3% gegenüber dem Vorquartal hat das Land nicht nur eine Rezession souverän vermieden. Das BIP-Wachstum im dritten Quartal hat auch das Quartalsergebnis der EWU leicht und das aus Deutschland voraussichtlich sogar recht deutlich übertroffen. Und das, obwohl das Vorjahreswachstum mit 1,0% zuletzt so niedrig ausgefallen ist, wie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr: Im Kreis der G7-Staaten ist Großbritannien trotz des drohenden Brexit damit längst nicht das Schlusslicht.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich jedoch die Bremsspuren, die die Brexit-Unsicherheit inzwischen hinterlassen hat. Im August und September ist die Wirtschaft geschrumpft, und zwar über nahezu alle Sektoren hinweg. Das relativ gute Ergebnis vom Sommerquartal geht also hauptsächlich auf ein kräftiges Wachstum im Juli zurück, das wiederum von Sondereffekten profitierte. Die britische Exportwirtschaft konnte von einer vorgezogenen Auslandsnachfrage profitieren und leistete mit Abstand den größten Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Bedenklich ist aber die schwache Investitionstätigkeit, die in diesem Jahr wohl zum zweiten Mal in Folge nur stagnieren wird. Außerhalb des Bausektors schrumpfen die Investitionen inzwischen sogar deutlich.

Nigel Farage hat angekündigt, dass seine Brexit Partei in 317 konservativen Wahlkreisen nicht antreten wird. Damit ist die Wahrscheinlichkeit deutlich gestiegen, dass Boris Johnsons seinen „Last-Minute-Deal“ nach der Neuwahl im Dezember endlich umsetzten kann. Großbritannien würde die EU dann Ende Januar 2020 verlassen. Hält man allerdings an der geplanten Übergangsphase fest, wonach das Land bis Jahresende 2020 im EU-Binnenmarkt und der Zollunion verbleibt, wird die Zitterpartie wohl schon bald von Neuem beginnen. Mehr als 1% Wachstum trauen wir der britischen Wirtschaft daher auch im kommenden Jahr nicht zu.

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