Britische Wirtschaft in Q1 geschrumpft – das Schlimmste kommt aber erst noch

 

Um zwei Prozent ist die britische Wirtschaftsleistung im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal gesunken – etwas weniger als erwartet, und auch mit Blick auf die europäischen Nachbarn, vor allem Frankreich, Italien oder Spanien, ist die Wirtschaft in Großbritannien noch vergleichsweise glimpflich durch die ersten Wochen der Corona-Krise gekommen. Anlass für Entwarnung ist das aber mitnichten.

Schließlich hat die britische Regierung die Wirtschaft erst relativ spät, am 24. März, vollständig „heruntergefahren“. Dafür, dass Geschäfte und Restaurants im März nur acht Tage geschlossen waren, Industrie und Bauwirtschaft sechs Werktage durch die strengen Ausgangsbeschränkungen behindert wurden, sind die Verluste im Monat März mit jeweils rund sechs Prozent im Service-Sektor, am Bau und in der Gesamtwirtschaft beträchtlich. Allein die Dienstleistungsexporte sanken im März um 20 Prozent, die Warenexporte in den Euroraum um 13 Prozent.

Das wirft dunkle Schatten auf das laufende Quartal. Die Corona-Epidemie verläuft in Großbritannien besonders schwerwiegend. Erst seit dieser Woche gibt es erste, vorsichtige Lockerungen in der Bewegungsfreiheit der Menschen – allerdings auch nur in England. Der Einzelhandel wird dagegen noch bis mindestens Ende Mai und die Gastronomie bis Anfang Juli warten müssen, bis sie allmählich wieder öffnen können. Dies wird die Wirtschaftsleistung in einem beispiellosen Ausmaß drosseln. Wir rechnen für das aktuelle zweite Quartal mit einem Absturz um wenigstens zwölf Prozent. Auch im Gesamtjahr 2020 wird der Rückgang der Wirtschaftsleistung bestenfalls knapp einstellig bleiben. Damit wird Großbritannien in Europa zu den Ländern mit den höchsten wirtschaftlichen Verlusten zählen.

Zu allem Überfluss droht Ende dieses Jahres auch noch ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt. Denn bislang konnten sich London und Brüssel weder auf die Grundzüge eines Freihandelsabkommens noch auf eine Verlängerung der derzeit laufenden Übergangsphase verständigen. Solange dieses Risiko besteht, wird es eine mögliche Erholung der britischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte überschatten. Sollte Großbritannien Anfang 2021 tatsächlich auf WTO-Niveau zurückfallen und im Handel mit der EU wieder Zölle erhoben werden, ist ein Rückfall der britischen Wirtschaft in die Rezession kaum zu verhindern.

 

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Ein Kommentar

Michael Kiener

Hallo Herr Bielmeier,

wenn man die Herausforderungen die auf die EU zukommen bewertet, könnte man auch auf die Idee kommen, dass die Briten gerade noch „rechtzeitig“ den Brexit vollzogen haben.

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