Die Autoindustrie leidet unter Covid-19 und Strukturwandel

Die Autoindustrie leidet wie kaum eine andere deutsche Industriebranche unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Dies liegt aber nicht nur an der in der Krise zu beobachtenden Kaufzurückhaltung von Unternehmen und Konsumenten. Die Branche befand sich bereits vor COVID-19 in einer länger anhaltenden Krise, ganz im Gegensatz zur Finanzmarktkrise, die die Unternehmen während einer Boomphase getroffen hatte.

Für die Branchenschwäche vor der Corona-Krise waren neben internationalen Entwicklungen wie dem Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China oder dem Brexit auch in der Branche hausgemachte Probleme wie die immer noch anhaltenden Nachwirkungen des Dieselskandals und drohende Fahrverbote in deutschenInnenstädten oder der Strukturwandel hin zu alternativen Antrieben verantwortlich.

Die Nachfrage nach Autos sank zeitgleich nicht nur in Deutschland, sondern auch in den meisten anderen großen Märkten. Vor allem die schwache Nachfrage in China, dem größten und wachstumsstärksten Absatzmarkt der deutschen Hersteller, machte den Unternehmen zu schaffen. Immerhin zeigen sich dort Anzeichen einer Erholung. Aber das Gros der in China verkauften Fahrzeuge wird auch dort hergestellt.

Ein Auto ist für die meisten Käufer eine langfristige Investition, die in Krisenzeiten leicht zeitlich nach hinten verschoben werden kann, etwa bis zum Ende der Kurzarbeit oder bis der Job wieder sicher ist. Dazu kommt beim Fahrzeugkauf derzeit noch das Problem, dass die Frage der Zukunftssicherheit des Antriebssystems noch ungeklärt ist. Dies könnte sich bei einer Entscheidung für das „falsche“ Modell negativ auf den zukünftigen Wiederverkaufswert des Fahrzeugs auswirken, wie es aktuell bei Dieselfahrzeugen zu beobachten ist. Potentielle Kunden warten also aus den verschiedensten Gründen erst einmal ab.

Daher wünschten sich die Autohersteller eine Abwrackprämie 2.0, welche auch Verbrenner-Modelle erfasst hätte. Vom Konjunkturprogramm der Bundesregierung profitieren diese aber nun „lediglich“ von der Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf 16 Prozent. Bei einem Pkw für 30.000 Euro macht das zwar immerhin 756 Euro bzw. etwas mehr als 2,5 Prozent aus. Die Rabatte der Händler dürften sich aber in einem wesentlich höheren Bereich bewegen. Zudem gilt die reduzierte Mehrwertsteuer nur befristet vom 1. Juli bis zum 31. Dezember. Deutlich spendabler zeigte sich die Bundesregierung bei den zukunftssicheren elektrobetriebenen Fahrzeugen. Hier haben die deutschen Hersteller mittlerweile zwar eine große Modellauswahl. Nur sind davon viele aktuell kaum lieferbar. Schon vor der Krise waren die Lieferzeiten für elektrobetriebene Fahrzeuge angesichts der gestiegenen Nachfrage vergleichsweise hoch.

Dem trägt das Konjunkturpaket dadurch Rechnung, dass die „Innovationsprämie“ in Höhe von 6.000 Euro für ein Elektroauto bis zu einem Nettolistenpreis von 40.000 Euro bis Ende 2021 gezahlt wird. Dies ist immerhin eine Verdoppelung gegenüber der bisher gezahlten Umweltprämie von 3.000 Euro. Bis zum Ende dieses Jahres kommt den Käufern zudem die Reduzierung der Mehrwertsteuer zugute.

Die Entscheidung, die zusätzliche Förderung auf elektrisch betriebene Fahrzeuge zu beschränken, dürfte Signalwirkung haben und den Umbau der deutschen Automobilindustrie hin zu einer umweltfreundlichen Branche mit den Schwerpunkten „Zero Emission“ und „autonomes Fahren“ beschleunigen. Langfristig ist dies sicherlich ein notwendiger Schritt, auch vor dem Hintergrund des zulässigen Flottenverbrauchs. Vorerst muss die Branche aber erst einmal die aktuelle Krise überstehen. So gingen die Neuzulassungen in Deutschland im Mai um 49,5 Prozent zurück. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass das aktuelle Ergebnis besser ausfiel als im Vormonat. Im April war allerdings auch der Autohandel in Deutschland weitgehend geschlossen.

Von niedrigem Niveau ausgehend setzen PKWs mit alternativen Antrieben selbst in der Corona-Krise ihre Erfolgsgeschichte fort. Sowohl Hybride als auch Elektroautos konnten entgegen des allgemeinen Trends im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat deutlich zulegen. Bei elektrobetriebenen PKWs war es ein Plus von 20,5 Prozent, bei Hybriden ein Wachstum von 18,3 Prozent. Dagegen brachen die Neuzulassungen diesel- und benzinbetriebener Autos jeweils um mehr als 50 Prozent ein.

Der Trend zu alternativen Antrieben dürfte sich zwar wegen der Innovationsprämie beschleunigen. Aktuell bleibt ihr Marktanteil aber noch weit hinter den Verbrennern zurück: Bei reinen Elektroautos betrug er im Mai 3,3 Prozent. Bei den Hybriden waren es immerhin 13,6 Prozent. Der Strukturwandel hin zu alternativen Antrieben wird auch mit staatlicher Förderung noch lange Zeit in Anspruch nehmen, selbst wenn die Autos in ausreichenden Stückzahlen lieferbar wären. Zudem wird dieser Umbruch langfristig zu spürbaren Jobverlusten bei Herstellern und Zulieferern führen. Der Sektor sichert damit aber seine Zukunftsfähigkeit und den Standort Deutschland.

Zunächst muss die Branche jedoch die sinkende Nachfrage nach Verbrennern verkraften. In diesem Jahr könnten Produktion und Umsatz um rund 30 Prozent sinken.

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