Warum ist die Arbeitslosenquote im Euro-Raum trotz Krise so niedrig?

Der Euro-Raum durchläuft derzeit die schwerste wirtschaftliche Krise seit seinem Bestehen. Nachdem die Wirtschaftsleistung im ersten Vierteljahr schon um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal gesunken ist, dürfte sich aufgrund der Lockdown Maßnahmen das Minus im zweiten Quartal sogar deutlich im zweistelligen Bereich bewegen.

Angesichts dessen ist auch ein enormer Stress für den Arbeitsmarkt des Währungsgebiets zu erwarten. Doch nach der jüngsten Pressemitteilung von Eurostat reibt man sich schon die Augen. Demnach schätzt Eurostat die Arbeitslosenquote im Mai auf 7,4 Prozent. Das entspricht gegenüber dem März einem Anstieg von lediglich 0,2 Prozentpunkten. Die schwere Rezession geht demnach bislang fast spurlos am Arbeitsmarkt vorbei. Wie kann das sein?

Neben der Verwendung des Instruments der Kurzarbeit auf europäischer Ebene, das den Arbeitsmarkt vor unmittelbaren Beschäftigungsverlusten zumindest teilweise schützt, liegt eine weitere Erklärung in der von Eurostat verwendeten Definition von Arbeitslosigkeit. Die Statistikbehörde schreibt dazu:

„Diese Schätzungen basieren auf der weltweit verwendeten Standarddefinition der Arbeitslosigkeit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die Arbeitslose als Personen definiert, die in den letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht haben und innerhalb der beiden nächsten Wochen eine Arbeit beginnen können. Die im April 2020 eingeführten COVID-19-Einschränkungsmaßnahmen haben zu einem starken Anstieg der Zahl der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung in der gesamten EU geführt. Gleichzeitig suchte ein erheblicher Teil derjenigen, die sich bei Arbeitsämtern angemeldet hatten, nicht mehr aktiv nach einem Arbeitsplatz, etwa aufgrund der Einschränkungsmaßnahmen oder wegen Nichtmehrverfügbarkeit, zum Beispiel, wenn sie während des Lockdowns ihre Kinder betreuen. Dies führt zu Abweichungen bei der Zahl der registrierten Arbeitslosen und derjenigen, die gemäß der Definition der ILO als arbeitslos eingestuft werden.“

Und diese Abweichungen dürften in der aktuellen Situation erheblich sein. Das zeigen etwa die Daten für den deutschen Arbeitsmarkt. Hier gibt es außer der Eurostat-Rate noch die nationale Arbeitslosenquote, die von der Bundesagentur für Arbeit berechnet wird. Und während die Nürnberger Quote zwischen März und Mai um 1,3 Punkte von 5,0 auf 6,3 Prozent angestiegen ist, legte die ILO-Quote gerade einmal um 0,2 Prozentpunkte zu (von 3,7 auf 3,9 Prozent).

Welche Auswirkungen das Nichtzählen von Personen, die kurzfristig keine neue Arbeitsstelle suchen, haben kann, zeigt auch das Beispiel Italien: Dort ging die Arbeitslosenquote aufgrund des Lockdowns zwischen März und April von 8,2 auf 6,6 Prozent zurück. Im Mai ist sie dann wieder auf 7,8 Prozent angestiegen. Zeitgleich ist die Beschäftigung aber von März bis Mai gesunken, nämlich um rund 1,3 Mio. Personen. Eigentlich hätte die Arbeitslosenquote bei einer so massiven Beschäftigungsanpassung stärker ansteigen müssen.

Man sollte sich also angesichts der aktuell niedrigen Quote also nicht blenden lassen. Unter diesen Voraussetzungen liefert die Eurostat-Zahl zur Arbeitslosenquote nämlich leider keinen Beitrag zum Verständnis der realen Situation auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Konjunkturbeobachter sollten derzeit besser auf nationale Daten zur Arbeitslosigkeit oder auf die Beschäftigungsstatistik ausweichen.

 

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