Deutscher Immobilienmarkt besteht Corona-Stresstest: Die Käufer haben sich nicht abgewendet

Nach dem langen Aufwärtstrend hat der deutsche Immobilienmarkt den ersten Stresstest überstanden. Das niedrige Niveau des Infektionsgeschehens hat sich positiv auf den Immobilienmarkt ausgewirkt, auch wenn Handel und Hotels vom Lockdown schwer getroffen wurden. Am besten ist der Wohnungsmarkt durch vier Monate Pandemie gekommen. Die Nachfrage der Käufer hat sich robust gezeigt. Die stabile Immobilienkreditvergabe im April und Mai belegt das anhaltende Interesse am Eigenheim. Die Kaufpreise konnten trotz gestiegener Arbeitslosigkeit und dem von vielen Unternehmen angekündigten Job-Abbau ihr hohes Niveau von April bis Juni halten. Dabei hilft das Zinstief, denn so ist der Wohnungskauf oft günstiger als Mieten. Zudem hat sich die Wohnungsvermietung krisenfest gezeigt. Die nach dem Ausbruch der Pandemie befürchteten Mietrückstände sind weitgehend ausgeblieben. Die Angebotsmieten konnten im ersten Halbjahr sogar leicht zulegen.

Die Investitionen in Gewerbeimmobilien sind im zweiten Quartal zwar gesunken, doch der Rückgang hielt sich in Grenzen. Aufgrund des Renditevorteils kommen Anleger am Immobilienmarkt offenbar kaum vorbei. Dabei haben sich die Aussichten für Gewerbeimmobilien eingetrübt. Das spürt vor allem der Einzelhandel. Die Kundenfrequenz konnte sich nach dem Lockdown erholen, aber die Umsatzeinbuße lässt sich nicht aufholen. Der HDE erwartet ein Minus im innerstädtischen Handel von bis zu 40 Milliarden Euro. Dazu kommt der immer erfolgreichere Online-Handel. Besser sieht es bei Hotels aus. Die Reisefreude haben sich die Menschen von Corona nicht verderben lassen. Die Büronachfrage wird von der Rezession und zukünftig wohl auch von Homeoffice gebremst. Viele Unternehmen wollen das Angebot für flexibles Arbeiten dauerhaft ausweiten. Die aktuell beste Perspektive haben Logistikimmobilien, die vom E-Commerce-Boom profitieren.

Ohnehin sind die Zeiten stramm steigender Mieten und Kaufpreise vorüber. Stattdessen warten auf den Immobilienmarkt einige Herausforderungen. So müssen für obsolete Einzelhandelsflächen alternative Nutzungsmöglichkeiten gefunden werden, was bei Innenstadtlagen aber gelingen sollte. Der zukünftige Büroflächenbedarf muss ausgelotet werden. Und Hotels müssen womöglich dauerhaft mit weniger Geschäftsreisenden auskommen. Am Wohnungsmarkt könnte die Alterung das Nachfragemuster spürbar verändern. Offen ist auch, wie die teure energetische Sanierung von vielen Millionen Wohnungen finanziert werden soll.

Dank günstiger Finanzierungskonditionen und dem Renditevorteil sind Immobilien weiterhin attraktiv – wenn die langfristige Perspektive stimmt. Zudem profitiert der deutsche Immobilienmarkt von seinem Ruf als sicherer Anlagehafen. Gute Aussichten haben vor allem zeitgemäße Immobilien in guten Lagen, die auch bei einem sinkenden Flächenbedarf nachgefragt werden. Aber wenn Assetklasse, Lage oder Qualität nicht stimmen, sind die Chancen schlechter. Im prosperierenden Umfeld ließen sich meist noch Käufer oder Mieter finden. Das dürfte nun schwerer werden.

Die Preise für Häuser und Wohnungen bleiben trotz Lockdown und Rezession stabil
Kaufpreise für Wohnimmobilien in Euro

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