Brexit: Vorteile eines Handelsabkommens müssen deutlich werden

In den Freihandelsgesprächen zwischen Großbritannien und der EU herrscht schon seit Monaten Stillstand, seit letzter Woche haben sie aber einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das Brexit-Drama ist zurück. Erneut scheint wieder alles auf einen No-deal Brexit hinauszulaufen, der die britischen Handelsbeziehungen mit der EU ungeregelt auf WTO-Niveau zurückwerfen würde. Die wirtschaftlichen Verluste, die dann für Großbritannien zu erwarten wären, scheinen in der politischen Kalkulation von Boris Johnson keine große Rolle zu spielen. Oder sind sie nur nicht hoch genug im Vergleich zu den Wohlstandseinbußen, die auch beim erfolgreichen Abschluss eines Freihandelsabkommens zu befürchten wären?

Tatsache ist: Durch den Binnenmarktaustritt Großbritanniens werden im Handel mit der EU wieder zahlreiche Barrieren entstehen, die lange beseitigt waren. Einige dieser Handelshürden könnten mit einem Freihandelsabkommen vermieden werden, vor allem die Wiedereinführung von Importzöllen. Viele nicht-tarifäre Handelshemmnisse dürften dagegen auch unter einem Freihandelsabkommen auftreten, Grenzkontrollen beispielsweise zur Überprüfung von Qualitätsstandards oder Marktzugangsbeschränkungen für Dienstleistungsbetriebe, wie für die Londoner Banken und Investmentgesellschaften. Wahrscheinlich wären die Handelsschranken bei einem Freihandelsabkommen längst nicht so hoch wie beim Handel unter WTO-Regeln, sicherlich aber höher als im Binnenmarkt.

Das wird aus unserer Sicht spürbare Wohlstandsverluste für Großbritannien zufolge haben. Vor allem unmittelbar nach Verlassen des Binnenmarktes ist mit kräftigen Anpassungsbewegungen zu rechnen, weil dann die neuen Handelshürden schockartig hochgefahren werden. Die Verluste wären im Falle eines No-deal Brexits zwar um einiges größer, schon, weil eine starke Pfundabwertung für zusätzliche Belastungen sorgen würde. Aber auch, wenn ein Freihandelsabkommen in Kraft tritt, dürfte das Wirtschaftswachstum erst einmal erkennbar gedrosselt werden.

Die britische Regierung wird sich vor diesem Hintergrund längst gefragt haben, wie viele Freiheiten sie bereit ist an Brüssel abzutreten. Es wäre deshalb aus unserer Sicht an der Zeit, dass die EU von ihren Maximalforderungen, insbesondere bei den „Level Playing Field“-Regeln, Abstand nimmt. Auch wäre es wichtig, die für Großbritannien so wichtigen Dienstleistungssektoren so weit wie möglich in ein Handelsabkommen zu integrieren, um die Vorteile einer Freihandelslösung gegenüber dem WTO-Fall möglichst deutlich zu machen. Zu denken wäre hier insbesondere an die geplante Äquivalenzregel für den britischen Finanzsektor. Dann ist eine Kompromisslösung in den Handelsgesprächen immer noch vorstellbar.

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