Notenbanken in Emerging Markets machen sich Gedanken

Während es bei der Geldpolitik in den Industrieländern im Wesentlichen nur darum geht, wer seine Zinsen länger bei null, oder tiefer hält, ist die Welt der Emerging Markets deutlich vielfältiger. Zum einen sind hier die Zinsen meist noch erkennbar oberhalb der Nulllinie, und zum anderen hat zuletzt mit der türkischen Notenbank sogar ein Währungshüter die Zinsen angehoben. Im Falle der Türkei war dies wohl auch überfällig, drohte hier doch der Preisauftrieb deutlich davonzulaufen. Bei Inflationsraten von hartnäckig über 10% (J/J) und zuletzt 11,8%, ließ sich der Leitzins von 8,25% nicht durchhalten und selbst die jüngste Anhebung auf 10,25% sollte nicht ausreichen, den Preisauftrieb in die Nähe der Zielmarke von 5,0% zu drücken. Hierfür sind noch stärkere Geschütze notwendig.

Im Universum unserer Währungsanalysen ragt die Türkei mit einer massiven Verfehlung ihres Inflationsziels zwar klar heraus, deutliche Währungsverluste, die zu einem beschleunigten Preisauftrieb führen könnten, sind aber keine Seltenheit. Entsprechend lohnt ein Blick darauf, welche Länder ihre Inflationsziele nach oben verfehlen und welche Länder derzeit geldpolitisch besonders expansiv unterwegs sind. Angesichts der Wirtschaftsschwäche in allen von uns betrachteten Währungsräumen müssen für die Notenbanken aber besondere Gründe zusammenkommen, um sie zu einer geldpolitischen Wende zu veranlassen. Ein bloßes Überschreiten des Inflationsziels bzw. der Obergrenze der Zielspanne in diesem Jahr, wie es in einigen Ländern Osteuropas und in Mexiko droht, dürfte kaum ausreichen. Vielmehr müsste auch noch für das kommende Jahr oder gar 2022 eine Zielverfehlung drohen. Der Durchschnitt der von Bloomberg befragten Analysten vermutet mit Ausnahme der Türkei zwar in keinem der von uns betrachteten Länder in diesen Jahren einen zu hohen Preisauftrieb, aber die Inflationsprognosen für einige Länder, insbesondere in Osteuropa und Mexiko wurden zuletzt tendenziell nach oben revidiert. Bei der Beurteilung der aktuellen Geldpolitik fallen die durchweg deutlich unter 1% liegenden Leitzinsen in Osteuropa auf, die zu einem sehr weit im negativen Bereich liegenden realen Leitzins führen.

Die enge Anbindung an den Euroraum ermöglicht ein Zinsniveau, das in anderen Emerging Markets ohne deut-liche Wechselkursreaktionen kaum möglich wäre. Aufgrund der aktuellen Preiszahlen steht die Geldpolitik hier unter besonderer Beobachtung. Sollte sich der Preisauftrieb noch länger als erwartet auf einem erhöhten Niveau halten, müssen sich die Notenbanken in Osteuropa mittelfristig Gedanken über eine Zinswende machen. Mexiko zeichnet sich im Gegensatz zu den osteuropäischen Ländern durch einen merklich höheren Leitzins von 4,25% aus. Aber auch hier dürften die aktuellen Preiszahlen mit einem Aufschieben weiterer Zinssenkungen eine geldpolitische Reaktion auslösen. Gerade in Emerging Market Ländern können sich Inflationsraten jedoch schnell beschleunigen, so dass aus einer zunächst komfortablen Lage früher als erwartet Handlungsbedarf erwächst. Dies könnte in Brasilien drohen, wo die Preiszahlen in diesem Jahr eher deutlich unter der Zielmarke liegen, sich für die kommenden Monate aber eine merkliche Beschleunigung abzeichnet. Sollten sich in der Folge auch die Inflationserwartungen eintrüben, könnte auch hier eine Zinserhöhung notwendig werden.

 

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