Bielmeiers Blog

Aus Informationen Wissen machen.

Wirtschaftsnachrichten selektieren – analysieren – kommentieren. Das ist das Metier von Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt und Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft der DZ BANK, und seinem Analystenteam. In seinem Blog zeigt Bielmeier die konjunkturelle Entwicklung in den weltweit wichtigsten Wirtschaftsregionen auf, befasst sich mit den Trends an den internationalen Finanzmärkten und bezieht Position zum aktuellen Politikgeschehen.

Lesen Sie in Bielmeiers Blog die Essenz aus der täglichen Datenflut – machen Sie sich das Expertenwissen zu Nutze.
Treibt Erdogan die Türkei in die nächste Krise?

Präsident Erdogan hat in den letzten Tagen demonstriert, dass er immer wieder für eine negative Überraschung gut ist. Mit der unerwarteten Entlassung des Zentralbankvorsitzenden Cetinkaya und der Ankündigung, die Notenbank vollständig umzubauen, hat das Staatsoberhaupt verdeutlicht, dass er künftig die Geldpolitik als Teil seiner Wirtschaftspolitik ansieht. Und als ob der Frontalangriff auf die Zentralbankunabhängigkeit nicht schon schlimm genug wäre, spitzt sich der diplomatische Konflikt mit den USA um den Kauf eines russischen Luftabwehrsystems weiter zu. Unabhängigkeit der Notenbank in Gefahr, politische Querelen zwischen Ankara und Washington – die Parallelen zu den Treibern der Lira-Krise des vergangenen Jahres sind offensichtlich. Dennoch bleibt die Reaktion an den Finanzmärkten bislang sehr verhalten. Klare Anzeichen für eine vorhandene oder zu erwartende Krise der Türkei sind nicht auszumachen. Dass sich dieses Bild rasch drehen kann, liegt vor allem an der kurzfristig fälligen Auslandsverschuldung der türkischen Volkswirtschaft. Diese beläuft sich derzeit auf rund 120 Mrd. USD…

Euro-Raum: Endet der Aufschwung am Arbeitsmarkt?

Die Arbeitslosenquote des Euro-Raums kennt seit mehreren Jahren eigentlich nur eine Richtung: Es geht nahezu ungebremst bergab – im positiven Sinne. Setzt sich der Trend fort, dürfte das Vorkrisenniveau mit 7,3 Prozent vom März 2008 in zwei bis drei Monaten erreicht sein. Doch ein Ende der Erholungsphase scheint allmählich in Sicht zu kommen. Der von uns berechnete Indikator für die Arbeitslosenquote im Euro-Raum deutet seit Monaten eine merkliche Verlangsamung des Abwärtstrends an, die zunehmend sichtbar in eine Bodenbildung übergehen dürfte. Noch überwiegt die Zahl der Euroländer, in denen die Erholung am Arbeitsmarkt intakt ist. Eine Reihe von Ländern hat in den vergangenen beiden Jahren aber bereits eine sehr niedrige Arbeitslosenquote erreicht. Hier wurden historische Tiefstände bereits unterschritten oder es herrscht praktisch nahezu Vollbeschäftigung. Ein weiterer Beitrag zur Senkung der Arbeitslosenquote ist von diesen Ländern kaum mehr zu erwarten. Eine Verlangsamung der Erholung am Arbeitsmarkt deckt sich auch mit unserem generellen…

China: Schwaches Wachstum in Q2 lässt neue Konjunkturstimuli erwarten

Unter dem Druck des Handelsstreits mit den USA hat Chinas Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal weiter auf 6,2 Prozent nachgegeben. Es ist wohl der schwächste Wert seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Zum Jahresauftakt hatte sich die Konjunktur dank höherer Staatsausgaben noch stabilisiert. Da es sich dabei aber primär um vorgezogene Ausgaben handelte, ist der Effekt schnell verpufft. Der Wachstumsrückschlag jetzt ist auch eine Folge der Kurzlebigkeit dieser Maßnahmen. Gleichzeitig ist die Last der gegenseitigen Strafzölle inzwischen beträchtlich. Chinas Exporte in die USA liegen aktuell knapp 10 Prozent, Chinas Importe aus den USA sogar rund 30 Prozent im Minus. Dabei dürfte die Anhebung der bestehenden Zölle von 10 auf 25 Prozent, die US-Präsident Trump im Mai angeordnet hat, bislang noch kaum Wirkung gezeigt haben. Die Bremseffekte werden erst jetzt ab der Jahresmitte zu spüren sein. Die Belastungen für Chinas Exportindustrie dürften sich noch einmal etwa verdoppeln. Positiv ist sicherlich, dass die weitere…

Zinsfantasie am Aktienmarkt übertrieben

Die Hoffnung auf eine Leitzinssenkung der amerikanischen Notenbank Ende Juli hat die US-Börsen auf neue Höchststände getrieben. So knackte der S&P 500 zuletzt die Marke von 3.000 Punkten und der Dow Jones überschritt erstmals die 27.000 Punkte-Linie. Grundsätzlich sind geringere Zinsen gut für die Aktienmärkte, da diese sowohl die wirtschaftliche Aktivität fördern als auch die relative Attraktivität von Aktien gegenüber Bonds erhöhen. Die langfristigen historischen Daten zeigen, dass der US-Aktienmarkt in den Folgemonaten nach der ersten Leitzinssenkung im Durchschnitt eine positive Aktienkursentwicklung und einen Anstieg des Bewertungsniveaus verzeichnete. Die beiden letzten Wendepunkte 2000 und 2007 zeichnen allerdings ein anderes Bild. Diese Daten deuten darauf hin, dass wenn der Hochpunkt bei den Unternehmensgewinnen im Konjunkturzyklus bereits erreicht wurde, geringere Zinsen die Aktienmärkte nicht mehr längerfristig treiben können. Wir befinden uns aktuell bereits in einer späten Phase des Konjunkturzyklus und die Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind in den letzten Monaten…

Hochmut kommt vor dem Knall – Droht ein Ende der Sommerrallye?

Fed-Chef Powell hat US-Aktien in dieser Woche zu Rekordständen getrieben. Die ersten Zinssenkungen der US-Notenbank seit der Finanzkrise stehen an. Diese könnten tatsächlich nötig werden, denn der Handelsstreit zwischen Washington und Peking hinterlässt Spuren im Getriebe der Weltwirtschaft. Sichtbar ist dies weltweit an den volkswirtschaftlichen Frühindikatoren und hierzulande an den Zahlen der börsennotierten Konzerne. Fast täglich veröffentlichen deutsche Unternehmen Gewinnwarnungen, insbesondere Firmen aus den zyklischen Sektoren Halbleiter, Maschinenbau, Chemie und Autos. Der Ausblick auf eine Fortsetzung der weltweit lockeren Geldpolitik dürfte mittelfristig dazu führen, dass der sogenannte „Tina“-Trade (englisch „There is no alternative“) am Aktienmarkt eine Wiederbelebung erfahren wird. Anleger werden weiterhin versuchen, der „Unterwelt“ negativer Zinsen am Anleihemarkt zu entkommen und Einkommen durch Immobilien und Aktien zu erwirtschaften. Dividendenstrategien sollten am Aktienmarkt stark nachgefragt bleiben, ebenso wie Titel aus defensiven Branchen. An dieser Strategie ist per se nicht viel auszusetzen, denn dadurch werden Portfolios meist robuster. Allerdings ist die…

Wie tief können die Bund-Renditen fallen?

Die Rendite zehnjähriger Bunds sorgte jüngst für Schlagzeilen, als sie mit -0,41% unter das Niveau des derzeit wichtigsten EZB-Leitzinses fiel, dem Satz der Einlagefazilität. Anstatt die vorhandene Liquidität günstiger bei der EZB zu -0,40% zu parken, kauften einige Investoren also lieber zehnjährige Bunds. Den Anstoß für die Bund-Rallye, welche die Rendite zehnjähriger Bunds zum neuen Allzeittief gut 20 Bp unterhalb des alten führte, gab EZB-Präsident Mario Draghi. Er sagte bei seiner Rede beim EZB-Forum in Sintra am 18. Juni 2019, dass weiterer Stimulus erforderlich sei, falls sich die konjunkturellen Rahmenbedingungen über den Sommer nicht besserten. Demnach stelle die andauernde Unsicherheit über den EU-Haushaltsstreit mit Italien, den Brexit oder durch Handelsstreitigkeiten in sich eine Materialisierung der Risikofaktoren dar. Die Rendite für Schätze notiert seither mit 0,73% außerhalb der bislang gültigen Spanne. Der Renditerückgang um 15 Bp spricht dafür, dass sich die Marktteilnehmer nicht ganz einig sind, ob sie für eine Senkung…